This is Chris NOT LA

Montag, 2. August 2010

Texte zur Kunst

Zeitgemäße Modetheorie und Kritik




Im Zuge der Einführung des Ipads vor wenigen Monaten, ließen sich die großen Verlage nicht lange bitten und bieten nun ihre Zeitungen und ausgewählte Zeitschriften auch im Ipad-kompatiblen Format an. In dem Zusammenhang war oft die Rede vom gesättigten Zeitschriftenmarkt und der allgemeinen Tendenz, dass mit den E-Readern klassische Printpublikationen früher oder später von der Bildfläche verschwinden werden.
Dass dies jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt der Realität entspricht, beweisen immer wieder Nischenpublikationen aus dem Design-, Kunst- und Gesellschaftsbereich, die in DIY Manier und ohne großen Verlag im Rücken in überschaubarer Auflage produziert werden und weltweit in ausgesuchten Geschäften erhältlich sind. Man könnte von Fanzines sprechen, die jedoch durch professionelle Gestaltung und Liebe zum Detail bestechen, die man von Großverlagen wie Gruner und Jahr nicht erwarten kann (Obwohl es auch immer Ausnahmen gibt, wie der NEON-Ableger NIDO, der nicht nur junge Eltern, sondern auch kinderwunschlosglückliche Grafiker wie mich begeistert).


Jedoch stellt sich bei mir mittlerweile ein Sättigungsgefühl auch im Bereich der unabhängigen Modepublikationen ein, die größtenteils nett anzuschauen sind, also mit schönen Editorials und einem interessanten gestalterischen Konzept auftrumpfen können, jedoch auf textlicher Ebene ihre Stärken und Chancen gegenüber der Konkurrenz vor allem durch Blogs nicht genügend auszuspielen vermögen. Thematisch setzt man sich zwar gerne mit Dingen jenseits des modischen Tellerrands auseinander, z.B. Kunst, Architektur oder Film, jedoch eher selten mit der eigenen soziokulturellen Bedeutung und Verantwortung. Damit hat sich, ausgelöst durch die rasche mediale Verbreitung und dadurch gestiegene gesellschaftliche Relevanz der Mode, eine Nische aufgetan, die darauf wartet besetzt zu werden.
Diese Aufgabe übernehmen häufig Magazine mit popkulturellem Hintergrund, wie z.B. die Spex oder DeBug, die in letzter Zeit mit sehr lesenswerten Artikeln punkten konnten.


Auch die aktuelle Ausgabe der Texte zur Kunst nähert sich der eher unpopulären theoretischen Seite der Mode auf sehr zugängliche Art und Weise, indem sie den Bezug zu aktuellen Themen wahrt.
So setzte sich Herausgeberin Isabelle Graw mit einem Thema auseinander, das schon viel zu oft diskutiert wurde, ohne dass man zu einem zufriedenstellenden Konsens Gelangt ist. In ihrem Essay zur „modelfreien“ Brigitte betrachtet sie den Magerwahn zur Abwechslung einmal aus einer anderen Perspektive und stellt dabei fest, dass die von der Zeitschrift propagierte Natürlichkeit nicht nur gezieltes Marketing ist (Wer hätte das gedacht?), sondern Frauen auch dazu zwingt ihre „inneren Werte“ einem Idealtypus, einem charakterlichen Schönheitsideal zu unterwerfen.



Dass die Qualität eines Interviews nicht nur von der interviewten Person abhängt, sondern auch von einem ehrlich interessierten Fragesteller, beweist der Künstler Merlin Carpenter, der mit großer Begeisterung für die Yves Saint Laurent Herrenkollektion, Creative Director Stefano Pilati in ein ausuferndes Gespräch verwickelt, das mehr zutage fördert als die üblichen Frage-Antwort-Spiele.
Auch sehr lesenswert ist der Auszug aus Frédéric Monneyrons Essay „La frivolité essentielle. Du vetement et de la mode“. Darin beleuchtet der französische Soziologe die Rolle von Designern und Modezeitschriften bei der Umsetzung und Legitimation von modischen Trends. Monneyron setzt sich intensiv mit dem Thema Mode auseinander. Zuletzt erschien das Buch „La Photographie de mode. Un Art Souverain“. Alle seine Publikationen sind auf Amazon erhältlich (jedoch leider nur auf Französisch soweit ich weiß).
Die Soziologin Monica Titton schreibt über das aktuelle Phänomen des Streetstyle. Dabei geht sie ausführlich auf die Geschichte der Streetstyle Fotografie ein, die ihren Anfang im britischen ID Magazin nahm, betrachtet die grafische Gestaltung von Streetstyleblogs, und letztendlich deren (nicht allzu großer) Beitrag zur Demokratisierung der Mode. Ein sehr lesenswerter Artikel, der das vertieft, was ich in meinem Essay schon angeschnitten hatte.
Eine Silhouette, die uns jetzt schon seit längerer Zeit begleitet, ist Thema eines Artikels der freien Journalistin und Bloggerin Mahret Kupka. Die Skinny Jeans, die seit der Lancierung durch Hedi Slimane für Dior Homme Anfang des Jahrzehnts, bis jetzt ihre Vormachtstellung unter den Jeansschnitten hält, sieht sie als offensichtlichstes Zeichen eines „Streben[s] nach schlanken Körperformen“. Am deutlichsten kommt dies wohl bei Karl Lagerfeld zum Ausdruck, dessen Begeisterung für Slimanes schmale Schnitte zu einer radikalen Metamorphose führte.


Texte zur Kunst erscheint vierteljährlich und ist für €15 im gutsortierten Bahnhofskiosk oder in Berlin bei Do you read me? und der Buchhandlung Walther König erhältlich.

Kommentare:

  1. wieder ein toller artikel! ich bin noch immer ziemlich stolz darauf, dein erster 'abonnent' gewesen zu sein.

    AntwortenLöschen
  2. Freut mich, dass dir mein Artikel gefällt. Ich sag nur: Spread the word!

    AntwortenLöschen