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Dienstag, 27. Juli 2010

Modische Vorbilder dringend gesucht

Jede große (Jugend-)Subkultur wusste sich durch einen bestimmten Stil zu kleiden von der Masse abzuheben. Doch kann man in dem Fall von Individualität sprechen?

Die letzte große Technowelle, die ihren Höhepunkt in der medial ausgeschlachteten Love Parade fand, zu der sich die großen DJs prozessionsgleich über die Berliner Straße des 17. Juni haben karren lassen, wird gerne als die letzte generationenprägende Subkultur genannt, die letztendlich an ihrer Größe verendet ist und mittlerweile nur noch paradigmatisch für die stilistischen Entgleisungen eines 90er-Jahre Neo-Hippietums steht.
Nach einer relativ kurzen gittarengeprägten Pause, feiert Techno, vielfach unter dem schwammigen Begriff Electro, eine Renaissance, von der man in dem Ausmaß nie zu träumen gewagt hätte.
„Der Techno der Nullerjahre hat keine Botschaft“ stellt Tobias Rapp, Autor des Buches Lost and Sound, Im Interview fest. Der neue verbesserte Techno 2.0 schließt dadurch niemanden mehr aus, lässt damit Freiräume für individuelle Lebensentwürfe, schafft ein hedonistisches Ich-Bewusstsein. Ein Faktor, der wohl maßgeblich zum Erfolg der aktuellen Technowelle beigetragen hat.
Die Stars der dieser Szene genießen zwar weltweite Bekanntheit, sind im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den Neunzigern in den Mainstreammedien und Charts kaum bis gar nicht präsent. Die Szene schwankt somit zwischen Mainstream und Underground, ohne sich eindeutig zu einer Richtung zu bekennen.
Im folgenden Zitat aus der Juli/August-Ausgabe der DeBug lassen sich ähnliche Tendenzen auch in der (Kleider-)Mode deuten:

„Der Einbruch des Internets in die Mode hat bisher vor allem eine Leerstelle produziert, die durch das Verschwinden einer Jugend, die sich durch einen eigenen konsistenten Stil ausdrückt, begleitet und verstärkt wird. Traditionell, also seit etwa 60 Jahren, gab es immer eine Jugend, die sich der Mode angenommen hat, ihre Ränder ausgelotet, und einen originären Stil entwickelte, der großen einfluss auf die klassischen Modewelt hatte. Das war im Punk so, auch bei Teds, Rockern, Poppern, Mods, Rastafaris, Skinheads und HipHoppern, noch jede Jugendkultur hatte einen später ökonomisch fass- und verwertbare Kleidercode hervorgebracht, der bis heute in unsere Welt hineinragt.“


[…]


„Und gerade nun, wo die Möglichkeiten und der Zwang zum Individualismus größer denn je sind, da heben die Protagonisten den Kopf und schauen nach oben. Inszenieren dieselben Gesten, dieselben ästhetischen und körperlichen Idealen in denselben Klamotten, nur als Kopie von H&M oder Zara. Sie schauen mit großen Augen, die sich nach Führung sehnen.“

Der Autor klagt hier ganz offensichtlich über die mangelnde Kreativität einer Jugend, die die Möglichkeiten des Internets und des eigenen Potentials ungenutzt lässt und somit die Chance verspielt sich als legitime Erben der genannten Subkulturen zu behaupten. Was sich als eine Art Erbfolgekrise präsentiert ist nichts weiter als das Ergebnis einer verzerrten Wahrnehmung, die (Jugend-)Subkulturen lediglich auf ihren „ökonomisch fass- und verwertbaren Kleidercode“ reduziert und den Rest, seien es nun soziale Faktoren, wie die working class Herkunft der Skinheads oder die Religion der Rastafaris, ignoriert. Subkulturelle Mode ist niemals, wie hier angedeutet, Selbstzweck oder Zeichen von Individualität, sondern war und ist noch immer Ausdruck eines gemeinsamen Wertesystems. Es wird peinlich genau darauf geachtet dem Bild seiner Subkultur zu entsprechen (z.B. maßgeschneiderte Anzüge nach italienischem Vorbild und Fishtail Parka bei Mods oder Drapes, Drainpipe Hosen und Creeper bei Teds) um innerhalb der Gruppe akzeptiert zu werden.
Der Kleidercode ist dabei so verbindlich, dass er es schafft in seiner größtenteils ursprünglichen Form Jahrzehnte zu überdauern. So sind Doc Martens seit ca. 40 Jahren essentieller Bestandteil der Skinheadmode. 


 Skinheads. Auch wenn es nicht so ausschaut, alles Individuen (Bild: nuttyboys.co.uk)

 „Der Zwang zum Individualismus“ lässt der im Artikel beschriebenen Jugend, den Fashionistas, dagegen nichts anderes übrig, als auf sich ständig wechselnde Trends und Kollektionen zu reagieren, das heißt sich ihnen so schnell wie möglich, also am besten bevor es alle anderen tun, anzupassen um ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Das Streben nach Individualität schließt somit Gemeinsamkeiten aus.

Zu ihren Hoch-Zeiten galten Subkulturen keineswegs als stilbildendes Beispiel. Eher sah man in ihnen antisozialen Ausdruck und Aufbegehren unterprivilegierter Schichten, einen Gegenentwurf zum herrschenden Lebensstil. Das bleiben sie auch, bis sie bzw. ihr Kleidercode irgendwann durch die modische Avantgarde rehabilitiert und im Zuge dessen dekontextualisiert und romantisiert werden.
Das, was sich unter der Kleidung verbirgt, die oftmals prollige Unterschichten Konnotation wird dabei ausgeklammert. Dass sich die schicken Mods mit den rohen Rockern in den südenglischen Seebädern regelmäßig brutale Straßenschlachten geliefert haben und sich somit nicht besser verhalten haben als englische Hooligans, während der Fußball-WM, müsste man spätestens seit Quadrophenia wissen.
Ebendiese Rocker, die ewigen Gegenspieler der Mods, standen der Frühling/Sommer 2011 Kollektion Christopher Baileys für Burberry Prorsum Pate: Rohe Rocker-Romantik lammlederweich gespült.

 Burberry Prorsum SS 2011 (Bilder: Style.com)

Der jüngst verstorbene Alexander McQueen ließ sich für seine letzte McQ Herrenkollektion von Skinheads inspirieren:

 McQ by Alexander McQueen (Bild: gradientmagazine.com)

Die Tatsache, dass es sehr wohl noch Subkulturen mit einem eigenen Kleidercode gibt wird gerne von der legitimen Mode übersehen bzw. wird sie gesehen, aber nicht auf modischer Augenhöhe wahrgenommen. Höchstens wenn Amy Winehouse ihr Haus mal in Jogginghose verlässt, kommentiert man ganz verächtlich ihren chav-style, den bekannten englischen Proletenstil. Doch wird aktuellen Subkulturen in der Regel jegliches modisches Verständnis abgesprochen. Mode wird an der Torstraße in Berlin Mitte vermutet, während in der städtischen Peripherie das gepflegte Proletentum zelebriert wird. Welcher Streetstyle Fotograf käme ernsthaft auf die Idee in Gropiusstadt oder im Märkischen Viertel auf die Jagd zu gehen?

Findet sich hier der nächste große Modetrend? (Bild: Morgenpost.de)

Fashionistas bedienen sich stattdessen in der Vergangenheit. Und weil sie damit und der Fashion Week, den Blogs und der Vogue, dem Proll in seiner Jogginghose weit voraus sind, stilisieren sie sich zur Avantgarde (ein Begriff, der in Zeiten der sofortigen medialen Verbreitung von Informationen, in diesem Fall jedes für die Abgrenzung nötige subkulturelle Insiderwissen, seine Bedeutung eingebüßt hat), schauen in ihrer Orientierungslosigkeit aber „mit großen Augen“ nach oben, zu den Moderedakteurinnen, den Designern, den Models, suchen Gemeinsamkeiten, einer Identität, lehnen sie gleichzeitig aber ab.
Wer sich nach der Mode richtet, so Baudelaire, der gleicht schließlich dem, „was er sein möchte“.
Scheinbar ohne zu wissen, was sie denn nun sein möchte schwankt die modeaffine Jugend zwischen dem Bedürfnis nach Abgrenzung und dem Bedürfnis nach Anerkennung, zwischen Mainstream und Underground.

Kommentare:

  1. Eingangs sprichst Du ja von der Juli/August de-bug. Da wird ja einmal an die Ränder der Geschellschaft geschaut. Bis dato - so muss ich einfach zugeben - hatte ich noch nie etwas vom Picaldi-Style gehört- Habe mich einfach nie damit befasst, ich als Mitte-Mädchen, das Neukölln und Co. meidet (ich liebe aber den Wedding, das nur am Rande...) wie der Teufel das Weihwasser... weil es Angst macht, roh ist, real und nicht so pseudo-kultiviert, quasi-avantgardistisch wie eine Carine Roitfeld, z.B. die hohen Künste, Kultur, "Avantgarde" sind längst Mainstream geworden... So ist von da aus auch keine großartige Demokratisierungsbewegung zu erwarten, schon gar nicht im einfachen Streben auch so sein zu wollen - was ja meistens in den Modeblogs passiert, oder?

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  2. Ich als Ur-Berliner bin ja, bis ich von Spandau nach Wedding gezogen bin, quasi mit dem Picaldi-Style aufgewachsen. Modisch bin ich jedoch auf einer anderen (subkulturellen) Schiene gefahren. Was mich an dem Artikel noch so ein bischen stört, ist dass er zwar einerseits Aufmerksamkeit auf Gruppen abseits des Mainstreams lenkt, sie aber gleichzeitig als Lösung für das Identitätsproblem der Fashionistas präsentiert werden. Sozusagen als modischen Selbstbedienungsladen, aus dem man sich jetzt, Dank Legitimation durch die Mainstreampresse, bedienen kann.

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