This is Chris NOT LA

Dienstag, 31. August 2010

Ich zitiere:

Wenn Chris eine Wurst ist, sind 99,9 Prozent der Männer Würste. Natürlich hat der Schwächen, aber ich verstehe was mit ihm los ist.
(Lars Eidinger, Schauspieler, im Zeit Interview)

Mittwoch, 25. August 2010

Neulich in der Küche


A: Stehst du etwa auf Daria Werbowy?
B: Auf wen? Achso... äh... Das Bild kam zusammen mit dem Rahmen.

Montag, 23. August 2010

From First Class to Foot Class

Vom Reisen in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs

(Bild: Cecile Remus/jugendfotos.de)

Meine früheste Erinnerung ans Reisen ist ein Flug nach Manila. Aufgrund eines Buchungsfehlers verfrachteten die netten Herrschaften von Air France meine Eltern und mich kurzerhand in die First Class.
Das war irgendwann Ende der Achtziger Jahre, als die Sitze an Bord noch nicht serienmäßig mit 20 Zoll Flachbildschirm, X-Box Spielkonsole und Champagner-Zapfanlage ausgestattet waren.
Stattdessen erfreute man sich ganz bescheiden an der erstklassigen Beinfreiheit und der damit gebannten Thrombosegefahr.
Meine Beine waren damals noch zu kurz um diesen grandiosen Luxus bzw. die Strapazen eines Langstreckenflugs eingequetscht in der Economy Class nachvollziehen zu können.
Bequemer sollte ich ab da jedoch in meinem ganzen Leben nie wieder reisen.

Ebenso muss eine Reise nicht unbedingt mit Budget-sprengenden Ausgaben verbunden sein. Vor allem, wenn das Budget aus dem besteht was man in den Hosentaschen und Sofaritzen gefunden hat.

Denn seitdem folgt die objektiv wie auch subjektiv erlebte Reisequalität einem langsamen aber deutlich wahrnehmbaren Abwärtstrend, so dass nun rund 20 Jahre Später, u.a. bedingt durch (persönliche) Wirtschaftskrisen, das Geld nicht einmal mehr für einen Billigflug zu einem der vielen Provinzflughäfen „in der Nähe von“ Stockholm oder London reicht.

Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch. So muss zum Beispiel ein italienisches Frühstück nicht zwangsläufig aus Mailänder Salami, Parmaschinken, Pesto und Ciabatta bestehen. TIP Fussili mit passierten Tomaten tun‘s auch.
Und wenn man eh erst um die Mittagszeit rum aufsteht, dann geht das auch locker als Brunch durch.

Ebenso muss eine Reise nicht unbedingt mit Budget-sprengenden Ausgaben verbunden sein. Vor allem, wenn das Budget aus dem besteht was man in den Hosentaschen und Sofaritzen gefunden hat.

Ein Päckchen, dass mein weniger abenteuerlustiges und reisewilliges Ich zur Post gebracht hätte, dient als zündender Funke für einen No-Budget Botengang quer durch die Republik.

Nachdem ich auf einschlägigen Webseiten einen Tramper-Crashkurs durchlaufen habe, stelle ich mich am nächsten Morgen ausgestattet mit dem obligatorischen Pappschild, Straßenatlas und leichtem Reisegepäck an eine Tankstelle nahe der Stadtautobahn.

Das Schild kommt aber nicht zum Einsatz. Ich spreche die Leute direkt an der Zapfsäule an und beschleunige damit meine Abreise: Es dauert keine 20 Minuten und ich sitze schon bei einem Münchner Paar in einem geräumigen Mercedes Bus Richtung Süden.
Wir passieren zwei Tramper, die ihre Pappe direkt an der Auffahrt hochhalten. Pech gehabt, denk ich mir, während ich mein eigenes Anfängerglück noch nicht ganz fassen kann.

Der Bus ist trotz des vielen Gepäcks so geräumig, dass ich entspannt meine Beine ausstrecken kann – ich trampe First Class. Besser kann die Reise nicht beginnen.

Zu meinen Füßen fällt mir eine schwarze Reisetasche mit eingesticktem Rammstein-Logo auf. Doch von Neuer deutscher Härte ist nichts zu spüren. Stattdessen herrscht vertraute Gemütlichkeit.
Das Paar erinnert mich an die Eltern eines guten Freundes, mit denen ich vor 10 Jahren mit deutlich weniger Beinfreiheit in die Toskana gefahren bin.

Sie, Gabi und Lutz (Namen vom Autor erfunden, da richtige Namen nicht mehr bekannt), plaudern sichtlich gut gelaunt von ihrem Sohn („Der nutzt ja lieber die Mitfahrzentrale.“), ihrer Arbeit („Also ich bin im Eventmanagement tätig und Lutz ist Controller bei der Allianz.“) und ihrer Reise („Wir besuchen alte Freunde und Studienkollegen quer durch Deutschland.“).
Nachdem ich dann auch etwas über mich erzählt hab („Kommunikationsdesign ist im Grunde das gleiche wie Grafikdesign.“ – Ein Satz, den ich so oder in ähnlichem Wortlaut an diesem Tag noch öfter von mir geben werde.) sind wir auch schon am Hermsdorfer Kreuz, wo sich unsere Wege trennen.
Ich gönn mir erst mal eine kleine Pause. Ich lass meinen Blick über die Raststätte schweifen, die sich langsam mit Autos und Reisebussen füllt. Ein Plakat preist Hähnchen Cordon Bleu mit Pommes an (€ 5,99). Daneben bietet ein Stand Wurstspezialitäten und eingelegte Spreewaldgurken (100g € 1,99) an. Eindeutig nicht meine Preisklasse, sag ich mir und frühstücke die belegten Brote, die ich mir am Vorabend geschmiert hatte

Einer der jungen Nazis trägt einen Sweater, der mit „sympathischer“ Offenheit seine politische Gesinnung verrät: „Weiße Macht“. Unter dem Slogan (natürlich in Fraktur) prangt die Silhouette einer MP40. Deutsche Wertarbeit!

Aus einem Bus steigt eine indische (oder bangladeschische oder sri lankische oder pakistanische) Reisegruppe und verleiht der thüringischen Provinz einen Hauch von großer weiter Welt.

Keine fünf Minuten später hält ein knallroter Kleinbus, aus dem eine Gruppe Jugendlicher Neonazis steigt. Mit beunruhigender Selbstverständlichkeit marschieren sie, von einer jungen blonden Dame in Jeans und rotem Top angeführt (Reiseleiterin? Betreuerin?!?), wie eine fröhliche Pfadfindertruppe in Richtung Restaurant.
Mit einem Schlag fühl ich mich in all meinen Vorurteilen über die „politische Vielfalt“ in den neuen Bundesländern bestätigt.

Die Gruppe trägt ihre martialischen Outfits mit einer Nonchalance, wie andere Leute in Berlin ihr American Apparel V-Neck Shirt. Einer der jungen Nazis trägt einen Sweater, der mit „sympathischer“ Offenheit seine politische Gesinnung verrät: „Weiße Macht“. Unter dem Slogan (natürlich in Fraktur) prangt die Silhouette einer MP40. Deutsche Wertarbeit!

Also die Maschinenpistole – der Sweater ist höchstwahrscheinlich „Made in India“ (oder Bangladesch oder Sri Lanka oder Pakistan).
Womit wieder die Verbindung zu der Reisegruppe hergestellt wäre. Diese zeigt sich gänzlich unbeeindruckt von der Hitlerjugend. Offenbar steht in ihren Reiseführern nichts über den politischen Facettenreichtum Thüringens.

Als ob die Situation noch nicht unangenehm genug wäre, taucht wie aus dem Nichts ein älterer Herr auf um die Reisenden vom Subkontinent vor der braunen Gefahr zu warnen.
Er trägt dabei in beiden Händen jeweils eine Flasche Bier und auf seinem Kopf thront eine mit goldenen Menorot verzierte Kippa – ein Jude!?!
Sie Situation hat damit einen beängstigenden Grad an Surrealität erreicht. Ich beschließe so schnell wie möglich weiterzufahren.

Mit Ronnie finde ich schließlich meine nächste Mitfahrgelegenheit. Würde Ronnie berlinern und aus Magdeburg stammen, wäre das nächste Klischee erfüllt. Leider ist Ronnie jedoch gebürtiger Dresdner und leider sächselt er auch nicht. Er ist grad auf dem Weg um seine Freundin in Köln zu besuchen.
Wir unterhalten uns übers Studium (er studiert Maschinenbau), darüber wie weit man mit den Semestertickets kommt.
Trotz überaus spannender Gesprächsthemen, schlaf ich ein.

Als ich aufwache haben wir bereits das brau… grüne Herz Deutschlands verlassen und befinden uns mittlerweile in Hessen, wo mich Ronnie an einer Raststätte bei Gießen raus lässt.

Die nächste Mitfahrgelegenheit ist schnell organisiert: Zwei Geschäftsreisende mit Darmstädter Kennzeichen, die mich aber leider nur bis Frankfurt mitnehmen können.
Der Eine spricht einen ausgeprägten hessischen Dialekt („schaffe“) – Ich komme meinem Ziel immer näher.

Allein reisende Damen nehmen allein reisende Herren nur widerwillig, meistens jedoch gar nicht mit.
Aber scheinbar sehe ich an diesem Tag mal ausnahmsweise nicht aus wie ein axtschwingender Irrer.

Die Raststätte bei Frankfurt besitzt neben einem Marché Restaurant, einem Burger King und einer Tankstelle auch eine Aussichtsplattform.
Ich schau auf die Bankentürme, die mit relativ großen Abständen zueinander aus dem Stadtgebiet ragen. Der Anblick erinnert mich ein wenig an Downtown LA mit Zahnlücken. Los Angeles für Arme sozusagen.
Als einzig weitere nennenswerte Gemeinsamkeit kommt mir American Apparel in den Sinn, die in der Frankfurter Innenstadt ebenfalls vertreten sind. Made in Downtown LA – Sold (unter anderem) in Downtown Frankfurt am Main.
Soweit ich weiß wurde ein Teil des neuen A-Team Films in „Mainhattan“ gedreht. Ganz offensichtlich bin ich nicht der einzige mit Budgetproblemen.

Den weiteren Weg leg ich im Auto von Sylvia zurück. Sie ist auf dem Weg nach Zürich um dort ihre Stelle als Opernsängerin anzutreten.
Als ich sie an der Tankstelle angesprochen hab, bin ich davon ausgegangen, dass sie ablehnen würde.
Allein reisende Damen nehmen allein reisende Herren nur widerwillig, meistens jedoch gar nicht mit.
Aber scheinbar sehe ich an diesem Tag mal ausnahmsweise nicht aus wie ein axtschwingender Irrer.

Knapp sieben Stunden, vier Chauffeure, fünf Bundesländer und eine Neonazireisegruppe später bin ich am Ziel: Wissenschaftsstadt Darmstadt.

Donnerstag, 12. August 2010

Samstag, 7. August 2010

"Love is evil"

Slavoj Žižek und Pierre Bourdieu im Lichtblick Kino



Der wild gestikulierende bärtige ältere Herr im obigen Video, der scheinbar zusammenhanglos irgendwas über Liebe schwafelt, ist nicht etwa ein alkoholisierter und verwirrter Obdachloser in irgend einer Fußgängerzone, sondern Slavoj Žižek, ein aus Slowenien stammender Philosoph, Psychoanalytiker, überzeugter Marxist und enfant terrible der internationalen Intelektuellen-Szene. Vor allem seine gewagten Thesen, die er gerne durch ungewöhnliche Beispiele und manchmal etwas wirre und fadenscheinige Argumente stützt, trugen zu seinem ambivalenten Ruf bei. So sorgt beispielsweise seine Aussage, dass es einer Kultur gut tue, wenn alte Bücher von Zeit zu Zeit verbrennen, nicht nur hierzulande für Unbehagen und Verständnislosigkeit. Trotzdem bietet der charismatische "Schwätzer" Žižek, wenn man über sein aufmerksamkeitsheischendes Gebahren hinwegsehen kann, interessante Ansätze für eigene Überlegungen.


Bei dem zweiten Herrn handelt es sich um Pierre Bourdieu, einen französischen Soziologen, der innerhalb Frankreichs und auch im Ausland zu großen Ehren gekommen ist. So ist seine Bekanntheit auf seine mittlerweile klassischen empirischen Studien, beispielsweise zur Korrelation von geschmacklichen und ästhetischen Präferenzen und der sozialen Schicht, und sein soziales und politisches Engagement, etwa bei den Globalisierungskritikern attac, zurückzuführen.
Mit geradezu großväterlicher Geduld und Ruhe (ganz im Gegensatz zu Žižek) nimmt Bourdieu zur allgemeine Rolle der Soziologie Stellung und erläutert die Kernkonzepte seiner Arbeit.

Wer zu beiden Herren mehr erfahren möchte, dem empfehle ich im Lichtblick Kino vorbeizuschauen:

Alien, Marx & Co: Slavoj Žižek — Ein Portrait

Pierre Bourdieu: Soziologie ist ein Kampfsport


Kastanienallee 77
10435 Berlin

Montag, 2. August 2010

Texte zur Kunst

Zeitgemäße Modetheorie und Kritik




Im Zuge der Einführung des Ipads vor wenigen Monaten, ließen sich die großen Verlage nicht lange bitten und bieten nun ihre Zeitungen und ausgewählte Zeitschriften auch im Ipad-kompatiblen Format an. In dem Zusammenhang war oft die Rede vom gesättigten Zeitschriftenmarkt und der allgemeinen Tendenz, dass mit den E-Readern klassische Printpublikationen früher oder später von der Bildfläche verschwinden werden.
Dass dies jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt der Realität entspricht, beweisen immer wieder Nischenpublikationen aus dem Design-, Kunst- und Gesellschaftsbereich, die in DIY Manier und ohne großen Verlag im Rücken in überschaubarer Auflage produziert werden und weltweit in ausgesuchten Geschäften erhältlich sind. Man könnte von Fanzines sprechen, die jedoch durch professionelle Gestaltung und Liebe zum Detail bestechen, die man von Großverlagen wie Gruner und Jahr nicht erwarten kann (Obwohl es auch immer Ausnahmen gibt, wie der NEON-Ableger NIDO, der nicht nur junge Eltern, sondern auch kinderwunschlosglückliche Grafiker wie mich begeistert).


Jedoch stellt sich bei mir mittlerweile ein Sättigungsgefühl auch im Bereich der unabhängigen Modepublikationen ein, die größtenteils nett anzuschauen sind, also mit schönen Editorials und einem interessanten gestalterischen Konzept auftrumpfen können, jedoch auf textlicher Ebene ihre Stärken und Chancen gegenüber der Konkurrenz vor allem durch Blogs nicht genügend auszuspielen vermögen. Thematisch setzt man sich zwar gerne mit Dingen jenseits des modischen Tellerrands auseinander, z.B. Kunst, Architektur oder Film, jedoch eher selten mit der eigenen soziokulturellen Bedeutung und Verantwortung. Damit hat sich, ausgelöst durch die rasche mediale Verbreitung und dadurch gestiegene gesellschaftliche Relevanz der Mode, eine Nische aufgetan, die darauf wartet besetzt zu werden.
Diese Aufgabe übernehmen häufig Magazine mit popkulturellem Hintergrund, wie z.B. die Spex oder DeBug, die in letzter Zeit mit sehr lesenswerten Artikeln punkten konnten.


Auch die aktuelle Ausgabe der Texte zur Kunst nähert sich der eher unpopulären theoretischen Seite der Mode auf sehr zugängliche Art und Weise, indem sie den Bezug zu aktuellen Themen wahrt.
So setzte sich Herausgeberin Isabelle Graw mit einem Thema auseinander, das schon viel zu oft diskutiert wurde, ohne dass man zu einem zufriedenstellenden Konsens Gelangt ist. In ihrem Essay zur „modelfreien“ Brigitte betrachtet sie den Magerwahn zur Abwechslung einmal aus einer anderen Perspektive und stellt dabei fest, dass die von der Zeitschrift propagierte Natürlichkeit nicht nur gezieltes Marketing ist (Wer hätte das gedacht?), sondern Frauen auch dazu zwingt ihre „inneren Werte“ einem Idealtypus, einem charakterlichen Schönheitsideal zu unterwerfen.



Dass die Qualität eines Interviews nicht nur von der interviewten Person abhängt, sondern auch von einem ehrlich interessierten Fragesteller, beweist der Künstler Merlin Carpenter, der mit großer Begeisterung für die Yves Saint Laurent Herrenkollektion, Creative Director Stefano Pilati in ein ausuferndes Gespräch verwickelt, das mehr zutage fördert als die üblichen Frage-Antwort-Spiele.
Auch sehr lesenswert ist der Auszug aus Frédéric Monneyrons Essay „La frivolité essentielle. Du vetement et de la mode“. Darin beleuchtet der französische Soziologe die Rolle von Designern und Modezeitschriften bei der Umsetzung und Legitimation von modischen Trends. Monneyron setzt sich intensiv mit dem Thema Mode auseinander. Zuletzt erschien das Buch „La Photographie de mode. Un Art Souverain“. Alle seine Publikationen sind auf Amazon erhältlich (jedoch leider nur auf Französisch soweit ich weiß).
Die Soziologin Monica Titton schreibt über das aktuelle Phänomen des Streetstyle. Dabei geht sie ausführlich auf die Geschichte der Streetstyle Fotografie ein, die ihren Anfang im britischen ID Magazin nahm, betrachtet die grafische Gestaltung von Streetstyleblogs, und letztendlich deren (nicht allzu großer) Beitrag zur Demokratisierung der Mode. Ein sehr lesenswerter Artikel, der das vertieft, was ich in meinem Essay schon angeschnitten hatte.
Eine Silhouette, die uns jetzt schon seit längerer Zeit begleitet, ist Thema eines Artikels der freien Journalistin und Bloggerin Mahret Kupka. Die Skinny Jeans, die seit der Lancierung durch Hedi Slimane für Dior Homme Anfang des Jahrzehnts, bis jetzt ihre Vormachtstellung unter den Jeansschnitten hält, sieht sie als offensichtlichstes Zeichen eines „Streben[s] nach schlanken Körperformen“. Am deutlichsten kommt dies wohl bei Karl Lagerfeld zum Ausdruck, dessen Begeisterung für Slimanes schmale Schnitte zu einer radikalen Metamorphose führte.


Texte zur Kunst erscheint vierteljährlich und ist für €15 im gutsortierten Bahnhofskiosk oder in Berlin bei Do you read me? und der Buchhandlung Walther König erhältlich.