This is Chris NOT LA
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Montag, 14. März 2011

Well, he's not the world's most physical guy


Vor Andrej Pejic hat wohl kaum ein Typ in Damenkleidern eine überzeugendere Figur gemacht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis die Geschlechtergrenzen vollkommen fallen - so hofft man jedenfalls.

Was waren wir nicht alle froh. Mit dem Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends, so schien es, endete auch die Ära der „Dior-Hommes“, dieser schlacksigen, blassgesichtigen, hühnerbrüstigen Milchbubis, die man wohl kaum als exemplarisch für die männliche Spezies bezeichnen konnte.

Eine Entwicklung, die von Mann als auch Frau gleichermaßen wohlwollend begrüßt wurde.

Männer mussten nun nicht mehr die Disziplin eines Karl Lagerfelds aufbringen und sich auf Herrengröße 44 runterhungern, in Kleidung, die ganz offensichtlich auf Körper von 16-Jährigen zugeschnitten war.

Frauen konnten es kaum erwarten mal wieder Hand an einen echten Kerl zu legen, einen „Marke kanadischer Waldarbeiter“ mit Dreitagebart und Macher-Mentalität, einen bei dem sich, wenn er schon skinny tragen muss, ein sportlich maskuliner Körper abzeichnet. Ein Offizier und Gentleman.

Kaum hat die Menshealth ihre Auflage verdoppelt, um der steigenden Nachfrage nach effektiven Bauchmuskel- und Bizepsübungen Herr zu werden, kaum haben die Muckibuden-Neuanmeldungen für ein kleines Wirtschaftswunder gesorgt, kommt alles anders, 180° anders.

Der Modezirkus präsentierte jüngst seine neueste Attraktion. Meine Damen und Herren, treten Sie näher, sehen und staunen Sie: Der unglaubliche Andrej Pejic.

Ist er Mann? Ist er Frau? Man weiß es nicht.

Doch, weiß man. Nur hat der junge Herr serbokroatisch-australischer Herkunft, 1,83m groß, 19 Jahre alt, blaue Augen, langes blondes Haar und ebenso lange Beine, nur wenig Interesse an gängigen Vorstellungen von Mann und Frau. Vielleicht gehören mit Pejic solche offensichtlich überholten Klassifizierungen sowieso bald der Vergangenheit an.

Tillmann Prüfer, seines Zeichens Moderedakteur bei der Zeit, ist angesichts der aktuellen Entwicklung dermaßen aus dem Häuschen, dass er Pejic kurzerhand in den Ikonenstatus erhebt – auf eine Stufe mit Twiggy und Uschi Obermayer.

Trunken vor Euphorie skizziert er eine (nahe) Zukunftsvision, in der, Kraft Mode und Pejic, das Geschlecht keine Rolle mehr spielt, in der die Unterscheidung zwischen Mann und Frau obsolet wird: „Frauen schlüpfen in die Rollen von Männern, Männer werden zu Frauen.“

Dabei reicht die Bandbreite von wie zufällig wirkenden Nippelblitzern über Vergewaltigungsfantasien bei Dolce &Gabbana bis hin zu Terry Richardsons Gesicht tief zwischen zwei pralle Arschbacken gegraben.

Mann oder Frau? Jacke wie Hose!

In der Mode, einer Welt für sich, die weniger mit Rationalität, als mit einer ausgemachten Persönlichkeitsstörung gemein hat, mag das vielleicht möglich sein. Da zieht der Raf Simons einem Kerl eine enge, taillierte Schürze an, Christophe Decarnin betont die Damenschulter, und alle sind sich einig, hier werden Geschlechtergrenzen in Frage gestellt, am Status Quo gerüttelt.

Aber kann das wirklich so simpel sein?

Schaut es nicht eher so aus: Die glitzernden breiten Schultern der Nullerjahre wollen ihren Drink spendiert bekommen, während die der Achtziger sehr wohl selbst imstande sind, ihr Getränk zu zahlen. Aber danke für das Angebot. Ist es nicht gerade das, was Balmains Disco Couture von Thierry Muglers oder Claude Montanas Power Dresses unterscheidet:

Die breiten Schultern des 21. Jahrhunderts sind eindeutig feminin(er) konnotiert.

Eine zufriedenstellende Antwort darauf, was denn nun Mann und was Frau ist, gestaltet sich doch schwieriger als gedacht. Erst recht abseits des Catwalks.

Um diese Frage hat sich eine regelrechte Industrie mit allerlei „Fachliteratur“ und „Lehrfilmen“ gebildet, die uns der Beantwortung der Frage auf eine idiotensichere und leicht verständliche, jedoch vor allem erheiternde Art und Weise näher gebracht hat. Nie waren die Unterschiede zwischen Mann und Frau lustiger:

„Einen PKW einzuparken gehört nicht zu ihren Stärken? Erst recht nicht das parallele Einparken?

Herzlichen Glückwunsch. Sie sind eine Frau.

Sie haben Probleme die Butter im Kühlschrank zu finden? Im Butterfach ist sie auch nicht? Ganz sicher nicht?

Herzlichen Glückwunsch. Sie sind ein Mann.“

Die Ursprünge vermuten die Autoren irgendwo in der Steinzeit. Da gab es bekanntlich noch keine Mode. Vielleicht spielt sie daher auch eine eher untergeordnete Rolle, wenn es darum geht zu ergründen, was denn nun einen Mann und was eine Frau ausmacht.


Stellte man sich also die ernste Frage, ob Andrej Pejic nun Mann oder Frau sei, so müsste man sich dieselbe Frage auch bei Freja Beha Erichsen oder Agyness Deyn stellen.


Zugegeben, die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit obiger Beispiele gilt zu bezweifeln. Ich als Mann besitze beispielsweise nicht einmal einen Führerschein. Doch illustriert dieses Beispiel, dass Mann und Frau mehr trennt als Hose oder Rock.

Sind es nicht vielmehr soziale, politische und ökonomische Faktoren, die das Geschlecht definieren?

Eine Frau kann sich heutzutage einen dreiteiligen Anzug anziehen und sich – von mir aus – einen schönen Rauschebart stehen lassen. Sie wird stets eine Frau bleiben. Eine bärtige Frau in einem Anzug.

Wie Tillmann Prüfer richtig bemerkt, ist die Mode Spiegel der Gesellschaft. Auslöser einschneidender gesellschaftlicher Veränderungen kann sie jedoch nicht sein. Dafür ist sie zu selbstreferentiell, regiert von Egomanen und Autokraten, die sich mit jeder neuen Kollektion neu zu legitimieren suchen.

Leider leben wir noch immer in einer Männergesellschaft, in der das weibliche Streben nach Gleichstellung auf eine Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende währende Geschichte zurückblicken kann. Markiert Andrej Pejic nun den Anfang vom Ende dieses Prozesses – eine Perestroika der Geschlechter?

Kann ich also endlich in das Kleid schlüpfen, um das ich meine Freundin schon immer beneidet hab, ohne mir um meine Virilität Sorgen machen zu müssen? Ja, und wenn: Was würde das ändern?


Mode lebt von den Assoziationen, von der Inszenierung, aus sich heraus bewirkt sie gar nichts. Sie stillt lediglich unser phantasmatisches Begehren.


Niemand würde mein Geschlecht plötzlich anzweifeln. Ich wäre immer noch ein Mann, im Kleid zwar, aber mit einem im Vergleich prozentual höheren Monatslohn und generell besseren Karriere-Chancen gegenüber Frauen.

Stichwort Frauenquote. Seit Wochen tobt nun schon die Debatte. Laut einer Studie des Instituts für Unternehmensführung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) besetzen Frauen in den 500 größten deutschen Unternehmen derzeit nur rund 2,4 Prozent der Führungspositionen.

Selbst In der Politik, seit je her eine Männerdomäne, könnte die Quote für so manche erfreuliche Veränderungen Sorgen. Noch zeigt sich ein eher ernüchterndes Bild. Den wichtigsten Bundesministerien, wie Finanzen oder Verteidigung, stehen in der Regel Männer vor. Resorts wie Familie, Bildung oder Gesundheit sind, dem traditionellem Rollenverständnis entsprechend, eher dem schwachen Geschlecht vorbehalten.

Nennenswerte Ausnahmen, wie unsere ehrenwerte Frau Bundeskanzlerin, stellen jedoch auch kein Novum dar. Ich möchte an dieser Stelle an die „eiserne“ Margaret Thatcher erinnern, britische Premiermninisterin von 1979 bis 1990.

Aber wäre die Modeindustrie, mit ihren vorwiegend weiblichen Akteuren, nicht der ideale Ausgangspunkt für eine Quoten gestützte Revolution?

Man nehme und blättere ein x-beliebiges Modemagazin durch: Mindestens eine Fotostrecke, in der blank gezogen wird, findet sich immer. Dabei reicht die Bandbreite von wie zufällig wirkenden Nippelblitzern über Vergewaltigungsfantasien bei Dolce & Gabbana bis hin zu Terry Richardsons Gesicht tief zwischen zwei pralle Arschbacken gegraben.

Die Mode ist eine weibliche Industrie mit einem zutiefst männlichen Blick.

Selbst Pejic, der Mann, kann sich diesem nicht entziehen. Er wird auf durch und durch männliche Art und Weise als Frau inszeniert, dass man in seinem Fall schon gar nicht mehr von Androgynität, welche immer einen Ahnung des wahren Geschlechts wahrt, sprechen kann. Pejic kommt in einem Chanel-Kleidchen dermaßen überzeugend daher, der Gedanke, seinen prachtvoll femininen Modelkörper ziere ein ebenso prachtvoller Penis, erschiene absurd. Er ist 100 Prozent Frau bzw. die Idee, ein abstraktes, eindimensionales, werbetaugliches Bild einer Frau. Stellte man sich also die ernste Frage, ob Andrej Pejic nun Mann oder Frau sei, so müsste man sich dieselbe Frage auch bei Freja Beha Erichsen oder Agyness Deyn stellen. Aber auch bei Kate Moss, Rosie Huntington-Whiteley, Lily Cole, Anja Rubik und jedem einzelne Model, von dem wir wie selbstverständlich ausgehen, sie seien weiblichen Geschlechts. Doch letztendlich ist die Frage nach dem Geschlecht überflüssig. Es rückt zugunsten von Ambiguität in den Hintergrund. So lautet die eigentliche Frage: Ist sie H&M oder Hermes, Zara oder Zegna, Femme Fatale oder Mädchen von nebenan, Clown oder Reptil?

Eniko Mihalik schlüpft in der Dezember/Januar Ausgabe des Russh Magazins gleich in mehrere Rollen. So lautet der bezeichnende Titel der Fotostrecke auch „Eniko is everything“.

Mode lebt von den Assoziationen, von der Inszenierung, aus sich heraus bewirkt sie gar nichts. Sie stillt lediglich unser phantasmatisches Begehren.

Angesichts dessen halte ich es auch für etwas voreilig in utopische Schwärmereien zu verfallen.

Von dem großzügigen Vorschuss, den Prüfer Pejic auf seinen Ikonenstatus gewährt, ganz zu schweigen.

Denn bis jetzt hat dieser nichts Weltbewegendes bewiesen. Bis auf die Tatsache, dass Männer den Frauen offensichtlich mal wieder einen Schritt voraus sind, oder frei nach den Kinks: Boys will be girls and girls will stay girls.


Mittwoch, 17. November 2010

Macht die ma hübsch!

Backstage vor der HTW Modenschau zur In Bewegung Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt. Auf Ausstellungsfotos verzichte ich hier bewusst, da an anderer Stelle schon ausführlich genug berichtet wurde.




Samstag, 30. Oktober 2010

In Bewegung - Junges Modedesign aus Berlin


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Mode macht Schule" lädt die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft ins Haus der Kulturen der Welt ein. Unter dem Motto "In Bewegung" wird ein Einblick in den kreativen Schaffensprozess des Studiengangs Modedesign geboten. 
Die feierliche Eröffnung findet am Freitag dem 05.11. um 19 Uhr statt. Auf der anschließenden Modenschau, zeigen Studenten und die hochschuleigenen Labels 30paarhaende und 30ph ihre Entwürfe. Einen entspannten Ausklang findet der Abend auf der Aftershowparty ab 22 Uhr.
Aktuelle Tendenzen und Veränderungen in der Mode werden am Samstag auf einer Podiumsdiskussion zum Thema "Die Versportlichung der Gesellschaft ― Auswirkungen auf die Mode" diskutiert. Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag den 07.11. für Besucher geöffnet.

Ich wurde gebeten die Eröffnung fotografisch zu dokumentieren und wäre daher sehr erfreut, wenn der eine oder andere sich in Bewegung setzt und zum Gelingen dieser wunderbaren Veranstaltung beiträgt.

Weitere Informationen gibt es hier:

Montag, 2. August 2010

Texte zur Kunst

Zeitgemäße Modetheorie und Kritik




Im Zuge der Einführung des Ipads vor wenigen Monaten, ließen sich die großen Verlage nicht lange bitten und bieten nun ihre Zeitungen und ausgewählte Zeitschriften auch im Ipad-kompatiblen Format an. In dem Zusammenhang war oft die Rede vom gesättigten Zeitschriftenmarkt und der allgemeinen Tendenz, dass mit den E-Readern klassische Printpublikationen früher oder später von der Bildfläche verschwinden werden.
Dass dies jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt der Realität entspricht, beweisen immer wieder Nischenpublikationen aus dem Design-, Kunst- und Gesellschaftsbereich, die in DIY Manier und ohne großen Verlag im Rücken in überschaubarer Auflage produziert werden und weltweit in ausgesuchten Geschäften erhältlich sind. Man könnte von Fanzines sprechen, die jedoch durch professionelle Gestaltung und Liebe zum Detail bestechen, die man von Großverlagen wie Gruner und Jahr nicht erwarten kann (Obwohl es auch immer Ausnahmen gibt, wie der NEON-Ableger NIDO, der nicht nur junge Eltern, sondern auch kinderwunschlosglückliche Grafiker wie mich begeistert).


Jedoch stellt sich bei mir mittlerweile ein Sättigungsgefühl auch im Bereich der unabhängigen Modepublikationen ein, die größtenteils nett anzuschauen sind, also mit schönen Editorials und einem interessanten gestalterischen Konzept auftrumpfen können, jedoch auf textlicher Ebene ihre Stärken und Chancen gegenüber der Konkurrenz vor allem durch Blogs nicht genügend auszuspielen vermögen. Thematisch setzt man sich zwar gerne mit Dingen jenseits des modischen Tellerrands auseinander, z.B. Kunst, Architektur oder Film, jedoch eher selten mit der eigenen soziokulturellen Bedeutung und Verantwortung. Damit hat sich, ausgelöst durch die rasche mediale Verbreitung und dadurch gestiegene gesellschaftliche Relevanz der Mode, eine Nische aufgetan, die darauf wartet besetzt zu werden.
Diese Aufgabe übernehmen häufig Magazine mit popkulturellem Hintergrund, wie z.B. die Spex oder DeBug, die in letzter Zeit mit sehr lesenswerten Artikeln punkten konnten.


Auch die aktuelle Ausgabe der Texte zur Kunst nähert sich der eher unpopulären theoretischen Seite der Mode auf sehr zugängliche Art und Weise, indem sie den Bezug zu aktuellen Themen wahrt.
So setzte sich Herausgeberin Isabelle Graw mit einem Thema auseinander, das schon viel zu oft diskutiert wurde, ohne dass man zu einem zufriedenstellenden Konsens Gelangt ist. In ihrem Essay zur „modelfreien“ Brigitte betrachtet sie den Magerwahn zur Abwechslung einmal aus einer anderen Perspektive und stellt dabei fest, dass die von der Zeitschrift propagierte Natürlichkeit nicht nur gezieltes Marketing ist (Wer hätte das gedacht?), sondern Frauen auch dazu zwingt ihre „inneren Werte“ einem Idealtypus, einem charakterlichen Schönheitsideal zu unterwerfen.



Dass die Qualität eines Interviews nicht nur von der interviewten Person abhängt, sondern auch von einem ehrlich interessierten Fragesteller, beweist der Künstler Merlin Carpenter, der mit großer Begeisterung für die Yves Saint Laurent Herrenkollektion, Creative Director Stefano Pilati in ein ausuferndes Gespräch verwickelt, das mehr zutage fördert als die üblichen Frage-Antwort-Spiele.
Auch sehr lesenswert ist der Auszug aus Frédéric Monneyrons Essay „La frivolité essentielle. Du vetement et de la mode“. Darin beleuchtet der französische Soziologe die Rolle von Designern und Modezeitschriften bei der Umsetzung und Legitimation von modischen Trends. Monneyron setzt sich intensiv mit dem Thema Mode auseinander. Zuletzt erschien das Buch „La Photographie de mode. Un Art Souverain“. Alle seine Publikationen sind auf Amazon erhältlich (jedoch leider nur auf Französisch soweit ich weiß).
Die Soziologin Monica Titton schreibt über das aktuelle Phänomen des Streetstyle. Dabei geht sie ausführlich auf die Geschichte der Streetstyle Fotografie ein, die ihren Anfang im britischen ID Magazin nahm, betrachtet die grafische Gestaltung von Streetstyleblogs, und letztendlich deren (nicht allzu großer) Beitrag zur Demokratisierung der Mode. Ein sehr lesenswerter Artikel, der das vertieft, was ich in meinem Essay schon angeschnitten hatte.
Eine Silhouette, die uns jetzt schon seit längerer Zeit begleitet, ist Thema eines Artikels der freien Journalistin und Bloggerin Mahret Kupka. Die Skinny Jeans, die seit der Lancierung durch Hedi Slimane für Dior Homme Anfang des Jahrzehnts, bis jetzt ihre Vormachtstellung unter den Jeansschnitten hält, sieht sie als offensichtlichstes Zeichen eines „Streben[s] nach schlanken Körperformen“. Am deutlichsten kommt dies wohl bei Karl Lagerfeld zum Ausdruck, dessen Begeisterung für Slimanes schmale Schnitte zu einer radikalen Metamorphose führte.


Texte zur Kunst erscheint vierteljährlich und ist für €15 im gutsortierten Bahnhofskiosk oder in Berlin bei Do you read me? und der Buchhandlung Walther König erhältlich.

Dienstag, 27. Juli 2010

Modische Vorbilder dringend gesucht

Jede große (Jugend-)Subkultur wusste sich durch einen bestimmten Stil zu kleiden von der Masse abzuheben. Doch kann man in dem Fall von Individualität sprechen?

Die letzte große Technowelle, die ihren Höhepunkt in der medial ausgeschlachteten Love Parade fand, zu der sich die großen DJs prozessionsgleich über die Berliner Straße des 17. Juni haben karren lassen, wird gerne als die letzte generationenprägende Subkultur genannt, die letztendlich an ihrer Größe verendet ist und mittlerweile nur noch paradigmatisch für die stilistischen Entgleisungen eines 90er-Jahre Neo-Hippietums steht.
Nach einer relativ kurzen gittarengeprägten Pause, feiert Techno, vielfach unter dem schwammigen Begriff Electro, eine Renaissance, von der man in dem Ausmaß nie zu träumen gewagt hätte.
„Der Techno der Nullerjahre hat keine Botschaft“ stellt Tobias Rapp, Autor des Buches Lost and Sound, Im Interview fest. Der neue verbesserte Techno 2.0 schließt dadurch niemanden mehr aus, lässt damit Freiräume für individuelle Lebensentwürfe, schafft ein hedonistisches Ich-Bewusstsein. Ein Faktor, der wohl maßgeblich zum Erfolg der aktuellen Technowelle beigetragen hat.
Die Stars der dieser Szene genießen zwar weltweite Bekanntheit, sind im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den Neunzigern in den Mainstreammedien und Charts kaum bis gar nicht präsent. Die Szene schwankt somit zwischen Mainstream und Underground, ohne sich eindeutig zu einer Richtung zu bekennen.
Im folgenden Zitat aus der Juli/August-Ausgabe der DeBug lassen sich ähnliche Tendenzen auch in der (Kleider-)Mode deuten:

„Der Einbruch des Internets in die Mode hat bisher vor allem eine Leerstelle produziert, die durch das Verschwinden einer Jugend, die sich durch einen eigenen konsistenten Stil ausdrückt, begleitet und verstärkt wird. Traditionell, also seit etwa 60 Jahren, gab es immer eine Jugend, die sich der Mode angenommen hat, ihre Ränder ausgelotet, und einen originären Stil entwickelte, der großen einfluss auf die klassischen Modewelt hatte. Das war im Punk so, auch bei Teds, Rockern, Poppern, Mods, Rastafaris, Skinheads und HipHoppern, noch jede Jugendkultur hatte einen später ökonomisch fass- und verwertbare Kleidercode hervorgebracht, der bis heute in unsere Welt hineinragt.“


[…]


„Und gerade nun, wo die Möglichkeiten und der Zwang zum Individualismus größer denn je sind, da heben die Protagonisten den Kopf und schauen nach oben. Inszenieren dieselben Gesten, dieselben ästhetischen und körperlichen Idealen in denselben Klamotten, nur als Kopie von H&M oder Zara. Sie schauen mit großen Augen, die sich nach Führung sehnen.“

Der Autor klagt hier ganz offensichtlich über die mangelnde Kreativität einer Jugend, die die Möglichkeiten des Internets und des eigenen Potentials ungenutzt lässt und somit die Chance verspielt sich als legitime Erben der genannten Subkulturen zu behaupten. Was sich als eine Art Erbfolgekrise präsentiert ist nichts weiter als das Ergebnis einer verzerrten Wahrnehmung, die (Jugend-)Subkulturen lediglich auf ihren „ökonomisch fass- und verwertbaren Kleidercode“ reduziert und den Rest, seien es nun soziale Faktoren, wie die working class Herkunft der Skinheads oder die Religion der Rastafaris, ignoriert. Subkulturelle Mode ist niemals, wie hier angedeutet, Selbstzweck oder Zeichen von Individualität, sondern war und ist noch immer Ausdruck eines gemeinsamen Wertesystems. Es wird peinlich genau darauf geachtet dem Bild seiner Subkultur zu entsprechen (z.B. maßgeschneiderte Anzüge nach italienischem Vorbild und Fishtail Parka bei Mods oder Drapes, Drainpipe Hosen und Creeper bei Teds) um innerhalb der Gruppe akzeptiert zu werden.
Der Kleidercode ist dabei so verbindlich, dass er es schafft in seiner größtenteils ursprünglichen Form Jahrzehnte zu überdauern. So sind Doc Martens seit ca. 40 Jahren essentieller Bestandteil der Skinheadmode. 


 Skinheads. Auch wenn es nicht so ausschaut, alles Individuen (Bild: nuttyboys.co.uk)

 „Der Zwang zum Individualismus“ lässt der im Artikel beschriebenen Jugend, den Fashionistas, dagegen nichts anderes übrig, als auf sich ständig wechselnde Trends und Kollektionen zu reagieren, das heißt sich ihnen so schnell wie möglich, also am besten bevor es alle anderen tun, anzupassen um ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Das Streben nach Individualität schließt somit Gemeinsamkeiten aus.

Zu ihren Hoch-Zeiten galten Subkulturen keineswegs als stilbildendes Beispiel. Eher sah man in ihnen antisozialen Ausdruck und Aufbegehren unterprivilegierter Schichten, einen Gegenentwurf zum herrschenden Lebensstil. Das bleiben sie auch, bis sie bzw. ihr Kleidercode irgendwann durch die modische Avantgarde rehabilitiert und im Zuge dessen dekontextualisiert und romantisiert werden.
Das, was sich unter der Kleidung verbirgt, die oftmals prollige Unterschichten Konnotation wird dabei ausgeklammert. Dass sich die schicken Mods mit den rohen Rockern in den südenglischen Seebädern regelmäßig brutale Straßenschlachten geliefert haben und sich somit nicht besser verhalten haben als englische Hooligans, während der Fußball-WM, müsste man spätestens seit Quadrophenia wissen.
Ebendiese Rocker, die ewigen Gegenspieler der Mods, standen der Frühling/Sommer 2011 Kollektion Christopher Baileys für Burberry Prorsum Pate: Rohe Rocker-Romantik lammlederweich gespült.

 Burberry Prorsum SS 2011 (Bilder: Style.com)

Der jüngst verstorbene Alexander McQueen ließ sich für seine letzte McQ Herrenkollektion von Skinheads inspirieren:

 McQ by Alexander McQueen (Bild: gradientmagazine.com)

Die Tatsache, dass es sehr wohl noch Subkulturen mit einem eigenen Kleidercode gibt wird gerne von der legitimen Mode übersehen bzw. wird sie gesehen, aber nicht auf modischer Augenhöhe wahrgenommen. Höchstens wenn Amy Winehouse ihr Haus mal in Jogginghose verlässt, kommentiert man ganz verächtlich ihren chav-style, den bekannten englischen Proletenstil. Doch wird aktuellen Subkulturen in der Regel jegliches modisches Verständnis abgesprochen. Mode wird an der Torstraße in Berlin Mitte vermutet, während in der städtischen Peripherie das gepflegte Proletentum zelebriert wird. Welcher Streetstyle Fotograf käme ernsthaft auf die Idee in Gropiusstadt oder im Märkischen Viertel auf die Jagd zu gehen?

Findet sich hier der nächste große Modetrend? (Bild: Morgenpost.de)

Fashionistas bedienen sich stattdessen in der Vergangenheit. Und weil sie damit und der Fashion Week, den Blogs und der Vogue, dem Proll in seiner Jogginghose weit voraus sind, stilisieren sie sich zur Avantgarde (ein Begriff, der in Zeiten der sofortigen medialen Verbreitung von Informationen, in diesem Fall jedes für die Abgrenzung nötige subkulturelle Insiderwissen, seine Bedeutung eingebüßt hat), schauen in ihrer Orientierungslosigkeit aber „mit großen Augen“ nach oben, zu den Moderedakteurinnen, den Designern, den Models, suchen Gemeinsamkeiten, einer Identität, lehnen sie gleichzeitig aber ab.
Wer sich nach der Mode richtet, so Baudelaire, der gleicht schließlich dem, „was er sein möchte“.
Scheinbar ohne zu wissen, was sie denn nun sein möchte schwankt die modeaffine Jugend zwischen dem Bedürfnis nach Abgrenzung und dem Bedürfnis nach Anerkennung, zwischen Mainstream und Underground.

Freitag, 14. Mai 2010

Die (Ohn)macht der Straße - Modeblogs und Demokratie

Couturier - ich mag diesen Begriff, ich mag den Klang, die Tatsache, dass es französisch ist. Das hat was Patriarchalisches bzw. matriarchalisches und auch ein bisschen was exzentrisches. Er steht für ein System, an dessen Spitze eine Person steht, die mit ihrem Namen für die handwerkliche Qualität ihres Produktes bürgt. Wenn man ihn hört, denkt man zwangsläufig (vor allem aufgrund des Films, den ich aber nicht gesehen hab) an Mademoiselle Chanel, die mit Kippe im Mund, wie eine strenge Mutter, das Kostüm am Modell nochmal zurechtzupft, bevor Sie es auf den Laufsteg schickt.
Wenn man heutzutage von Modeschaffenden spricht, dann spricht man meistens von Modedesignern. Design, ein Begriff freundlich und nett, rund und chic, kosmopolitisch, und auch ein bisschen wichtig(tuerisch). Vor allem aber demokratisch, so demokratisch, wie die englische Sprache, der er entstammt. Bei Design denkt man an helle Agenturräume, in denen um einen Eiermann Tisch, auf Eames Stühlen, coole hippe Leute versammelt sitzen und ihr nächstes super Projekt besprechen.
Es ist wohl Pierre Cardin, den man als ersten Modedesigner bezeichnen darf, der die Couture hinter sich ließ und mit seiner ersten Prêt-à-porter Kollektion, einen Eklat in der Modewelt, die hauptsächlich aus den Couturiers und deren reiche Kundinnen bestand, auslöste. Er erkannte den Zeitgeist und versorgte die breite Masse mit moderner, zeitgemäßer und vor allem praktischer Mode. Cardin revolutionierte und demokratisierte sie.
Wie es scheint, befinden wir uns wieder mitten in einer weiteren Revolution. Fast schon inflationär wird der Begriff der Demokratisierung der Mode in Verbindung mit Modeblogs genannt. Jeder der meint sich zum Phänomen Modeblog äußern zu müssen, erwähnt ihn früher oder später.


Sozialistischer Luxus

Susie Bubble (Bild: stylebubble.typepad.com)

„Bloggen demokratisiert das Business.“ So wird beispielsweise Stefano Gabbana vom Designerduo Dolce und Gabbana in der FAZ zitiert. Das was genau damit gemeint ist bleibt erst mal schleierhaft. Gabbana scheint uns damit nahezulegen, dass es sich beim (Mode)Business um ein repressives Regime handelt, an dessen Spitze sich eine herrschende Elite befindet, der sich der Normalsterbliche, ohne Aussicht auf Mitbestimmung, zu fügen hat. Eine wunderliche Aussage, wenn man bedenkt, dass die Herren Dolce & Gabbana Teil dieser Elite (oder vielleicht doch nur Handlanger?) sind. Ganz offensichtlich tritt hier der wirtschaftliche Aspekt zutage. Warum sollten sie ein Demokratiebestreben begrüßen, wenn nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
Fakt ist, Blogger wie Bryan Boy oder Susie Bubble sind längst in der Front Row angekommen und haben klassischen Journalisten als Meinungsmachern und Trendsettern längst den Rang abgelaufen.
In kürzester Zeit avancierten Blogger von bloßen Modeinteressierten, die ihre Leidenschaft mit gleichgesinnten teilen wollten, zu gefürchteten, gehassten, bewunderten Persönlichkeiten, zu regelrechten Stars und Lieblingen der Designer. Unter diesen Umständen war es natürlich nicht verwunderlich, dass bald die ersten Stimmen laut wurden, die den Bloggern vorwarfen bloßes Marketing-Werkzeug zu sein. Da die meisten privaten Blogs eher nebenbei als Hobby gepflegt werden, ist die Versuchung natürlich groß, sich durch ein paar verkaufte Blogeinträge etwas dazuzuverdienen. Anfällig sind dafür besonders kleinere, weniger bekannte Blogs, die dann schon mal ein Gratis Mobiltelefon abstauben können, im Gegenzug für einen ausführlichen Testbericht.
Blogger dienen als Vorbild, als modische Vorkoster. Sie ebnen den Weg für neue Trends und tragen dabei auch die Botschaft von einem „sozialistischen Luxus“ übers Netz bis in die entlegensten Ecken der Welt. Jeder soll die Chance und vor allem auch das Recht auf ein bisschen Luxus haben bzw. das Recht zu wissen, dass es theoretisch möglich ist diesen Luxus zu erreichen. Sei es auch nur durch eine dreiste Kopie von Zara, die aber Dank aufwendiger Werbekampagne, inklusive Supermodel und Starfotograf, zwar nicht derselbe Hauch von Luxus umweht, aber gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist. Das wiederum führt, dadurch dass sich Luxus lediglich über eine abstrakte Idee als über hochwertiger Materialien und Handwerkskunst definiert, zu eine Profanisierung selbigen.
Demokratisierung lässt sich in diesem Fall wohl eher als eine Markterweiterung, weniger als eine Öffnung und Teilhabe am Markt verstehen.

 
 Bryanboy (Bild: bryanboy.com)

Doch ist es den Mode-Bloggern möglich das Phänomen Mode an sich, d.h. die Systematik die uns immer wieder neue Trends, Kollektionen, Farben und Formen beschert, zu demokratisieren?

Das wär echt knorke.
Wie bitte? „Knorke“? So etwas kann man heutzutage doch nicht mehr ohne ironischen Unterton sagen.
Frage: Was hat eine Imbisbudenvokabel wie „knorke“ mit Plateaustiefeln der Marke Buffalo gemeinsam (Wir erinnern uns?)?
(Beste) Antwort: Es ist mehr oder weniger aus der Mode.
Bis vor einiger Zeit hätte ich wohl noch die Schulterpolster als Beispiel genommen. Diese haben jedoch mittlerweile eine überraschende Renaissance erfahren und können daher leider nicht mehr als abschreckendes Beispiel fungieren.
Mode, wie das Beispiel so schön illustriert, manifestiert sich in verschiedenen Formen. Da wir Menschen aber sehr stark visuell geprägt sind, zeigt sie sich am deutlichsten an unserer Kleidung.
Mode ist weitaus komplexer als sie uns erscheint. Ein Umstand, der eine Demokratisierung scheinbar nur unter großem Aufwand möglich macht.


Zeig, was du hast

Die Soziologin Elena Esposito, die sich u.a. mit dem Thema Mode auseinandersetzt, beschreibt in ihrer „Theorie der Beobachtung“ eine modische Konsensbildung, basierend auf gegenseitiger Beobachtung.
Das heißt in der Praxis: Ich beobachte dich (und das, was du trägst), du beobachtest mich (und das, was ich trage), ich beobachte, wie du mich beobachtest und du beobachtest, wie ich dich beobachte.
Mode ist ein Zustand der durch seine Unbeständigkeit charakterisiert ist. Sie ist ein Konsens der nur kurz Bestand hat, da permanent beobachtet wird und sich der Beobachtung permanent angepasst wird. Eine Demokratie, wenn auch eine ziemlich labile, kommt im Grunde dadurch zustande, dass jeder Teil dieses Beobachtungsprozesses ist und sich beim Anpassungsprozess jeder auf den anderen stützt.
Anhand der Modeblogs lässt sich das bestens nachvollziehen.
In einer Zeit, in der sich das Leben immer weiter in die virtuelle Welt des Internets verlagert und somit öffentlich wird, wird sich zwangsläufig auch über das Thema Datenschutz Gedanken gemacht. Bemerkenswerterweise scheint die freiwillige Preisgabe von persönlichen Daten keinerlei Einschränkung zu erfahren. Die freizügige Penisparade bei Chatroulette erscheint jedoch so unglaublich unspektakulär und lahm, nicht weil wir durch allgegenwärtige und allzeit verfügbare Pornographie abgestumpft sind, sondern weil der Penis uns nichts über die Person verrät. Modeblogs dagegen weisen einen überraschend exhibitionistischen Charakter auf. Mit seinem Blog ist man der Star in seiner eigens für sich selbst kreierten Klatschspalte.
Ein integraler Bestandteil des Modeblogs ist die Präsentation eigener Outfits, die oft schon in der Umkleidekabine fotografiert werden. Hier zeigen sich einerseits der exhibitionistische und anderseits auch der affirmative Charakter: Auch wenn nicht ausdrücklich nach einer Meinung gefragt wird, so wird das Outfit trotzdem über die Kommentarfunktion bewertet, und je nachdem, ob die Meinungen positiv oder negativ ausfallen, gekauft oder nicht (wenn schon gekauft, dann wird’s zurückgebracht oder verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Schrank). Das negiert dann zwar das allgemeine Streben nach Individualität und Originalität, trägt aber zur Konsensbildung und einer demokratischen Form von Mode bei.


Die Geschmacksaristokratie 

 The Facehunter (Bild: Modabot.de)

Streetstyleblogs, wie The Facehunter oder The Sartorialist widmen sich voll und ganz der Dokumentation von originellen Outfits. (Mittlerweile geht der Trend dazu über, Originale in originellen Outfits in deren originell eingerichteten Wohnungen auf originelle Art und Weise abzulichten. Siehe: The selby, Freunde von Freunden, ArtschoolVets). Sie haben den Anspruch Alternativen zu der von den Modemagazinen propagierten Mainstream-Mode aufzuspüren und zu dokumentieren. Tag für Tag streifen sie also durch die hipsten Quartiere der Stadt (Williamsburg New York, Berlin Mitte, Shoreditch London, jede noch so popelige Fashionweek) auf der Jagd nach individuellen Individuen.
Streetstyleblogs fungieren als Galerie und Katalog zugleich. Die gezeigten Styles wollen als individuelle kreative Leistung gewürdigt werden, animieren aber auch immer zum Kopieren, wodurch ihr Status als Originale bekräftigt wird. Zwar müssten sie, allein durch die Tatsache, dass sie für den Blog fotografiert wurden, schon als Original gelten, jedoch kann ein Original immer nur zwischen Kopien existieren. Das Streben nach Individualität negiert sich selbst. Wer sich für einen Streetstyleblog fotografieren lässt, wird geadelt und verliert im selben Moment auch schon wieder seinen Titel und wird wieder gewöhnlich.
Die demokratische Konsensbildung erfährt bei den Streetstyleblogs, im Gegensatz zu den privaten persönlichen Modeblogs, jedoch eine Einschränkung. Das demokratische „Anything-goes-Gefühl“, das Streetstyles suggerieren, kann sich auch nur in dem Rahmen bewegen, den der Blogger, durch die von ihm persönlich ausgewählten Styles, festgelegt hat. Das heißt ganz konkret: Was tragbar ist, bestimmt der Blogger.
Ein positiver Kommentar gilt in erster Linie dem fotografierten Original, unterschwellig wird dabei aber auch der Blogger gelobt, da er es offensichtlich geschafft hat im Meer der 08/15 Gekleideten eine stilistische Perle zu entdecken. Dem Blogger wird die magische Fähigkeit zugesprochen, zwischen gut und schlecht gekleidet, zwischen schön und hässlich differenzieren zu können.

Besteht deshalb Anlass zur Sorge, wenn plötzlich ein Starkult um Modeblogger entbrennt und eine Minderheit die modischen Strippen zieht? Würden wir so die Demokratie nicht gegen, wie Pierre Bourdieu es nannte, eine Geschmacksaristokratie eintauschen?
Denn das einzige, was sie scheinbar dazu legitimiert, ist, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort das richtige getan haben, weniger ihre journalistischen Fähigkeiten, noch ihr subjektives Gespür für modische Trends. Dass die Spitzenriege der deutschen Modeblogger im Grunde eigentlich austauschbar ist, zeigte der Artikel in der ZEIT Online mit dem, im Vergleich zum dürftigen Inhalt, (was man teilweise auch dem Desinteresse der ZEIT anhaften kann) pompösen Titel „Die Macht der Straße“: Auf ziemlich banale Fragen folgten leider auch ziemlich banale Antworten. Eine Gruppe ohnmächtiger Vorzeigeblogger, die zwar reden, aber nicht wirklich was zu sagen haben. 


Passiv aggressiv 

 Tavi Gevinson (Bild: thestylerookie.com)

Noch nie war es so einfach seine Meinung der Welt kundzutun. In Zeiten von Blogs und Social Communities wirken Demos draußen auf der Straße, also offline, so seltsam antiquiert. Sich an Schienen ketten, Steine schmeißen, sich mit Hundertschaften prügeln, das hat so ein unglaublich angestaubtes, fast schon spießiges Image bekommen. Sowas machen Leute, bevor sie eine Glanzkarriere als Politiker bis ins Außenministerium durchlaufen. Die einzigen, die heute noch so am Rad drehen dürfen, sind die Franzosen, deren Nationalfeiertag basiert immerhin auf einer riesigen Straßenschlacht, die inoffiziell ab und an in den Pariser Banlieus nachgestellt wird.
Wenn man jetzt mit irgendwas unzufrieden ist, wenn irgendwo Missstände herrschen, dann gründet man einfach eine Facebook Gruppe (z.B.: Für jedes Mitglied eine Kerze für die Opfer auf Haiti) und wartet ab, bis sich das Problem von selbst gelöst hat. Web 2.0 hat uns zu passiven Zuschauern und damit auch zu passiven Kritikern gemacht. Sehr schön auch unter Modebloggern zu beobachten.
Eine Demokratisierung der Mode müsste aber zwangsläufig zu einer kritischen Auseinandersetzung mit selbiger führen. Gerade weil Blogger, im Gegensatz zu den Printpublikationen unabhängig (aber wie man nun weiß, auch nicht abgeneigt) von Werbeeinnahmen sind, setzte man während der anfänglichen Euphorie alle Hoffnung in sie, als unabhängige und kritische Kontrollinstanz, als Parlament in der Konstitutionellen Monarchie der Mode. Die Aura der Unbestechlichkeit ist ja mittlerweile verflogen und kritisiert wird, wenn dann auch nur passiv.
Das kann man einerseits damit erklären, dass Kritik von Seiten der Leser unerwünscht ist. Denn Mode, was in den meisten Fällen den Konsum von Mode bezeichnet, soll ja Spaß machen und da ist kein Platz für Kritik. Andererseits damit, dass von Seiten der Blogbetreiber, die gezwungen sind ihren Blog täglich zu aktualisieren um ihre Leser zu behalten, zu viel Aufwand betrieben werden müsste, und, das gilt für die Großen im Geschäft, Gefahr laufen würden sich bei den Designern unbeliebt zu machen und somit die nächste Fashionweek im besten Fall von der letzten Reihe aus, im schlimmsten Fall zwischem dem gemeinen Pöbel beim Public Viewing vorm Show Zelt erleben zu müssen.
Also bloß niemanden auf die Füße treten, immer schön bitte und danke sagen und nett lächeln.
Das dreizehnjährige Blogger-Wunderkind Tavi Gevinson, die mit ihrem Blog Stylerookie und ihrem naiv eklektischen Kleidungsstil zum gerngesehenen Gast auf Schauen und Inspirationsquelle geworden ist, äußerte sich in der Frühjahrs Ausgabe der Qvest bezeichnend: „Wenn ich etwas mag, dann spreche ich das offen aus, wenn nicht, dann feature ich es erst garnicht.“

Mode folgt per se keinem erkennbaren rationalen Gesetz und ist daher so wie sie uns im Moment erscheint austauschbar, unvorhersehbar, und vor allem höchst widersprüchlich.
Die Rückkehr der Schulterpolster aus den tiefsten Tiefen der modischen Vergangenheit lässt sich nicht wirklich überzeugend erklären, und warum wir Overkneestiefel plötzlich nicht mehr mit Prostituierten in Verbindung bringen, ebenso wenig. Allein beim Gedanken daran lief uns noch vor nicht allzu langer Zeit ein kalter Schauer über den Rücken und jetzt soll es auf einmal chic sein, wie eine Edelhure aus den Achtzigern auszusehen? Fehlt nur noch die Dauerwelle. Soll das etwa schön sein?
Schon der gute alte Kant schrieb vor über 200 Jahren in seiner Kritik der Urteilskraft über die Subjektivität des Schönen.
Somit fahren Tavi und ihre Kollegen scheinbar auf der sicheren Schiene, wenn sie nur das in ihren Blogs featuren, was sie persönlich schön finden und sich über den (subjektiv) hässlichen Rest in diplomatisches Schweigen hüllen. In diesem Fall ist die Notwendigkeit einer Rechtfertigung einer demokratischen Debatte kaum vorhanden. Wo hingegen Kritik immer gerechtfertigt und objektiv nachvollziehbar sein sollte. Doch unter den Gegebenheiten, angesichts der Widersprüchlichkeit der Mode, ist eine kritische Auseinandersetzung, die die Qualität eines persönlichen, also subjektiven Geschmacksurteils übersteigt, kaum möglich.

Donnerstag, 18. März 2010

Warum in nem Sweatshop schuften...


wenn man auch seinen eigenen Sweatshop haben kann?
Alle die morgen Abend noch nix vorhaben und ein Herz für arme Grafikstudenten  haben, die mit dem Verkauf von modischen selbstbesiebdruckten Shirts gerade nochmal so (vorrausgesetzt sie verkaufen auch welche) um die Prostitution herumgekommen sind, sollten bei obengenannter Veranstaltung mal vorbeischauen und das ein oder andere Stück mitnehmen. Die Herrschaften würden sich freuen.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Shadows

Jenni war so nett und hat mir ihre Illus zum Shadows Projekt geschickt. Eine kleine Auswahl:

 
(Illustration: Jennifer Burtchen)

(Illustration: Jennifer Burtchen)

Donnerstag, 5. November 2009

Wir haben ein Problem

Stefan Sagmeister
(Bild: elahoffman.pl)


Der gestrige Abend hats mal wieder gezeigt, als Designer hat man es nicht leicht auf dieser Welt. Da sitzen wir, ein Kommunikationsdesigner und eine Modedesignerin, in meiner Lieblingsbar und trinken ganz entspannt ein zwei Bierchen, als eine Gruppe von drei Herren, ihres Zeichens Mathematiker, ein Gespräch mit uns anfangen, in dessen Verlauf einer der drei Mathematiker wissen wollte, was ich denn so tue. Als ich mich dann als Kommunikationsdesigner geoutet hatte, sah ich das riesige Fragezeichen über seinem Kopf schweben. Nach kurzer Erklärung, dass es bei Werbung anfängt, über Zeitungen bis hin zu nem Handyinterface reicht und eigentlich alles umfasst, das im groben Schrift und Bild beinhaltet, nahm die Katastrophe ihren Lauf. Ich hätte den Begriff Werbung überhaupt nicht erwähnen sollen, denn jetzt wurde ich nur noch darauf reduziert und musste mir vorwerfen lassen ich manipuliere nur und der Beruf des Designers sei sowieso oberflächlich und überflüssig. So ging das dann ne knappe halbe Stunde. Jeder Versuch von mir zu erklären, dass Werbung eine eher untergeordnete Rolle spielt wurde konsequent ignoriert. Ich finds erschreckend, wie man so arrogant und ignorant gegenüber anderen Menschen und seiner eigenen Umwelt sein kann, in der ohne Gestaltung einfach nichts, rein garnichts wirklich funktionieren würde. Aber scheinbar ist diese Tatsache bei den Menschen noch nicht wirklich angekommen.

John Galliano
(Bild: cakenotcoke.com)


Bestenfalls finden wir als exzentrische Mode
designer in der Öffentlichkeit Beachtung, aber der Großteil der Designer, und das betrifft vor allem Modedesigner, fristen ein Nischendasein in großen und auch kleinen namenlosen Unternehmen und leisten einen wertvollen kulturellen, aber vor allem wirtschaftlichen Beitrag. Ja, auch das T-shirt von KiK Textildiscount für € 1,99 hat ein Modedesigner gestaltet. Dummerweise wurde der Begriff in Vergangenheit viel zu oft missbraucht, ja vor allem in der Werbung. Was gibts nicht alles, Designer Jeans, Designer-Feuerzeuge, Designer-Kugelschreiber, selbst Klobrillen werden als Designer Ware vom örtlichen Baumarkt angepriesen. Ja, Designer das klingt erstmal ganz toll, edel und teuer. Es klingt meistens aber auch nur so. Ja, ich muss zuegeben, ein wenig Manipulation ist schon dabei (aber das machen ja eigentlich die Werbetexter ;). Aber eigentlich gehts ja nicht um das Produkt selbst, sondern um das was es kommuniziert und um den schon bereits im Kunden existierenden Wunsch, die Sehnsucht nach einem bestimmten Gefühl, das es befriedigt. Insofern ist es ja dann doch keine Manipulation, da diese Sehnsucht nach etwas edlem und teurem schon existiert und von der Designer-Klobrille nur angesprochen und befriedigt wird. Es ist nicht die Klobrille die wir kaufen, sondern die Befriedigung des Wunsches sich auch beim Stuhlgang wie ein richtig toller Typ zu fühlen. Ähnlich bei Bekleidung. Verarbeitungsqualität spielt eigentlich keine Rolle, nur noch der emotionale Wert, inwieweit dieses Kleidungsstück meine Wünsche und Sehnsüchte berfriedigen kann. So kann es auch schnell mal die Zara Kopie vom aktuell sehr angesagten Balmain Blazer sein.


Toni Garrn für Zara
(Bild: LesMads)


Die Tatsache, dass es hierbei um eine eigentlich dreiste Kopie einer kreativen und kulturellen Leistung, in diesem Fall vom Christophe Decarnin, geht, die normalerweise sanktioniert werden müsste, wird hier vollkommen außer Acht gelassen. Denn Zara schafft es, indem es für ihre Werbekampagne ein bekanntes Model (Toni Garrn) bucht, das kopierte Stück nicht kopiert wirken zu lassen. Die Gleichung in diesem Fall wäre: Balmain Kopie + bekanntes Top Model = Befriedigung einer Sehnsucht für wenig Geld. Ebenso ohne den bitteren Beigeschmack nur eine billige kopie zu tragen. Toni Garrn trägt es ja schließlich auch.
Worauf ich hinaus will, wir Designer haben ein Problem. Das einerseits von der Tatsache herrührt, dass wir Menschen uns nicht darüber im klaren sind oder es uns nicht eingestehen wollen, wer wir sind und wer wir eigentlich sein wollen, dass Manipulation eigentlich nicht stattfindet, sondern eine Bedürfnisbefriedigung, die in vielen Fällen auf diese scheinbar
manipulative Art eben am besten zu erreichen ist.
Andererseits auch vom Designer selbst verursacht wird, weil er sich oft selbst nur in dieser romantischen Rolle vom erfolgreich illustrierenden Freelancer oder haute couture schneidernden Stardesigner sehen will und die graue Realität, in der man vielleicht den Angebotsflyer von ALDI layouten muss, gerne mal ausblendet. Ich will mich da garnicht ausklammern. Zu Beginn meines Studiums hatte ich ganz offen und ehrlich überhaupt keinen Plan worauf ich mich da eigentlich einlasse. Es klang einfach nur nach ner super Sache. Mitlerweile hab ich ich festgestellt, das vieles doch nüchterner und auch bodenständiger ist, als ich anfangs dachte. Und genau das sollte auch so kommuniziert werden. Eine breit angelegte Imagekampagne für mehr Akzeptanz und Bewusstsein für Design, sofort!

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Mode VS Design VS Jun Takahashi VS Dieter Rams

Angeregt durch ein Interview mit Jun Takahashi, dem kreativen Kopf hinter dem japanischen label Undercover, in der aktuellen Ausgabe des Zoo Magazins, hab ich mir mal wieder Gedanken gemacht bezüglich Mode und Design bzw. alte Gedanken, die schon seit längerem im "to-do-Fach" meines Hirns liegen wieder aufgegriffen.

Inspirieren ließ sich Takahashi für seine Sommerkollektion fürs nächste Jahr vom Industriedesign der Firma Braun bzw. den, ich sag mal, "10 Geboten" des Designs, die Dieter Rams, seines Zeichens langjähriger Chefdesigner im Hause Braun, formuliert hat.Hier nochmal für alle die sie vergessen haben:

(Bild: Vitsoe.com)
  1. Gutes Design ist innovativ.
  2. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
  3. Gutes Design ist ästhetisch.
  4. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
  5. Gutes Design ist unaufdringlich.
  6. Gutes Design ist ehrlich.
  7. Gutes Design ist langlebig.
  8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
  9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
  10. Gutes Design ist sowenig Design wie möglich.
Kühl, sachlich, ohne unnötigen Schnickschnack und mit Details, die offensichtlich dem Braun'schen Design entlehnt sind zeigt sich dann auch Takahashis Kollektion.



(Bilder: coutequecoute)

Die gewählten high tech wettertauglichen Materialien und Drucke, unterstützen den technischen Eindruck der Kollektion.Soweit so gut, jedoch machte mich dann die folgende Passage des Interviews stutzig:
Takahashi translated those same principles [Rams 10 Designthesen] into fashion.
Der Aussage, dass Takahashi Rams Thesen auf seine Kollektion übertragen hat wird im folgenden Satz indirekt widersprochen:
Narrow leather belts on Undercover's jacktes and accessoires, for example, were inspired by the handles on Braun designs.
Anscheinend wird Die Kollektion nur in bezug auf die äußere Form diesem Anspruch gerecht. Schon allein die Tatsache, dass Takahashi Details, wie zum Beispiel die Radioskala auf das Sakko übertragen hat, ohne dies, meiner Meinung nach, nach gestalterischen Gesichtspunkten rechtfertigen zu können, steht im völligen Gegensatz zu Rams.


(Bild: dailyicon.net)

Ebenso spielen die Stoffe weniger eine funktionale, wie es bei wettertauglicher Kleidung der Fall ist, als eine optisch ästhetische Rolle.
Aber weg von Takahashi. Eigentlich geht es mir hierbei gar nicht darum irgendwelche Kollektionen auseinanderzunehmen. Takahashi dient mir hier lediglich als ein exemplarisches Beispiel für die Ambivalenz mit der sich (mir) die Mode präsentiert. Mir geht es darum zu ergründen wie Mode sich zum Design verhält und inwiefern man von Modedesign sprechen kann. Ist es überhaupt möglich Rams Thesen, nicht nur auf das Industrie- und Kommunikationsdesign, sondern auch auf das Modedesign zu übertragen und somit zeitgemäße und modische Bekleidung zu gestalten, die über die scheinbar rein ästhetische Komponente hinaus auf die Bedürfnisse der Menschen eingeht?

Meiner Meinung nach eine Frage, die es wert ist sich den Kopf darüber zu zerbrechen.