This is Chris NOT LA
Posts mit dem Label Kritik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kritik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 14. März 2011

Well, he's not the world's most physical guy


Vor Andrej Pejic hat wohl kaum ein Typ in Damenkleidern eine überzeugendere Figur gemacht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis die Geschlechtergrenzen vollkommen fallen - so hofft man jedenfalls.

Was waren wir nicht alle froh. Mit dem Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends, so schien es, endete auch die Ära der „Dior-Hommes“, dieser schlacksigen, blassgesichtigen, hühnerbrüstigen Milchbubis, die man wohl kaum als exemplarisch für die männliche Spezies bezeichnen konnte.

Eine Entwicklung, die von Mann als auch Frau gleichermaßen wohlwollend begrüßt wurde.

Männer mussten nun nicht mehr die Disziplin eines Karl Lagerfelds aufbringen und sich auf Herrengröße 44 runterhungern, in Kleidung, die ganz offensichtlich auf Körper von 16-Jährigen zugeschnitten war.

Frauen konnten es kaum erwarten mal wieder Hand an einen echten Kerl zu legen, einen „Marke kanadischer Waldarbeiter“ mit Dreitagebart und Macher-Mentalität, einen bei dem sich, wenn er schon skinny tragen muss, ein sportlich maskuliner Körper abzeichnet. Ein Offizier und Gentleman.

Kaum hat die Menshealth ihre Auflage verdoppelt, um der steigenden Nachfrage nach effektiven Bauchmuskel- und Bizepsübungen Herr zu werden, kaum haben die Muckibuden-Neuanmeldungen für ein kleines Wirtschaftswunder gesorgt, kommt alles anders, 180° anders.

Der Modezirkus präsentierte jüngst seine neueste Attraktion. Meine Damen und Herren, treten Sie näher, sehen und staunen Sie: Der unglaubliche Andrej Pejic.

Ist er Mann? Ist er Frau? Man weiß es nicht.

Doch, weiß man. Nur hat der junge Herr serbokroatisch-australischer Herkunft, 1,83m groß, 19 Jahre alt, blaue Augen, langes blondes Haar und ebenso lange Beine, nur wenig Interesse an gängigen Vorstellungen von Mann und Frau. Vielleicht gehören mit Pejic solche offensichtlich überholten Klassifizierungen sowieso bald der Vergangenheit an.

Tillmann Prüfer, seines Zeichens Moderedakteur bei der Zeit, ist angesichts der aktuellen Entwicklung dermaßen aus dem Häuschen, dass er Pejic kurzerhand in den Ikonenstatus erhebt – auf eine Stufe mit Twiggy und Uschi Obermayer.

Trunken vor Euphorie skizziert er eine (nahe) Zukunftsvision, in der, Kraft Mode und Pejic, das Geschlecht keine Rolle mehr spielt, in der die Unterscheidung zwischen Mann und Frau obsolet wird: „Frauen schlüpfen in die Rollen von Männern, Männer werden zu Frauen.“

Dabei reicht die Bandbreite von wie zufällig wirkenden Nippelblitzern über Vergewaltigungsfantasien bei Dolce &Gabbana bis hin zu Terry Richardsons Gesicht tief zwischen zwei pralle Arschbacken gegraben.

Mann oder Frau? Jacke wie Hose!

In der Mode, einer Welt für sich, die weniger mit Rationalität, als mit einer ausgemachten Persönlichkeitsstörung gemein hat, mag das vielleicht möglich sein. Da zieht der Raf Simons einem Kerl eine enge, taillierte Schürze an, Christophe Decarnin betont die Damenschulter, und alle sind sich einig, hier werden Geschlechtergrenzen in Frage gestellt, am Status Quo gerüttelt.

Aber kann das wirklich so simpel sein?

Schaut es nicht eher so aus: Die glitzernden breiten Schultern der Nullerjahre wollen ihren Drink spendiert bekommen, während die der Achtziger sehr wohl selbst imstande sind, ihr Getränk zu zahlen. Aber danke für das Angebot. Ist es nicht gerade das, was Balmains Disco Couture von Thierry Muglers oder Claude Montanas Power Dresses unterscheidet:

Die breiten Schultern des 21. Jahrhunderts sind eindeutig feminin(er) konnotiert.

Eine zufriedenstellende Antwort darauf, was denn nun Mann und was Frau ist, gestaltet sich doch schwieriger als gedacht. Erst recht abseits des Catwalks.

Um diese Frage hat sich eine regelrechte Industrie mit allerlei „Fachliteratur“ und „Lehrfilmen“ gebildet, die uns der Beantwortung der Frage auf eine idiotensichere und leicht verständliche, jedoch vor allem erheiternde Art und Weise näher gebracht hat. Nie waren die Unterschiede zwischen Mann und Frau lustiger:

„Einen PKW einzuparken gehört nicht zu ihren Stärken? Erst recht nicht das parallele Einparken?

Herzlichen Glückwunsch. Sie sind eine Frau.

Sie haben Probleme die Butter im Kühlschrank zu finden? Im Butterfach ist sie auch nicht? Ganz sicher nicht?

Herzlichen Glückwunsch. Sie sind ein Mann.“

Die Ursprünge vermuten die Autoren irgendwo in der Steinzeit. Da gab es bekanntlich noch keine Mode. Vielleicht spielt sie daher auch eine eher untergeordnete Rolle, wenn es darum geht zu ergründen, was denn nun einen Mann und was eine Frau ausmacht.


Stellte man sich also die ernste Frage, ob Andrej Pejic nun Mann oder Frau sei, so müsste man sich dieselbe Frage auch bei Freja Beha Erichsen oder Agyness Deyn stellen.


Zugegeben, die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit obiger Beispiele gilt zu bezweifeln. Ich als Mann besitze beispielsweise nicht einmal einen Führerschein. Doch illustriert dieses Beispiel, dass Mann und Frau mehr trennt als Hose oder Rock.

Sind es nicht vielmehr soziale, politische und ökonomische Faktoren, die das Geschlecht definieren?

Eine Frau kann sich heutzutage einen dreiteiligen Anzug anziehen und sich – von mir aus – einen schönen Rauschebart stehen lassen. Sie wird stets eine Frau bleiben. Eine bärtige Frau in einem Anzug.

Wie Tillmann Prüfer richtig bemerkt, ist die Mode Spiegel der Gesellschaft. Auslöser einschneidender gesellschaftlicher Veränderungen kann sie jedoch nicht sein. Dafür ist sie zu selbstreferentiell, regiert von Egomanen und Autokraten, die sich mit jeder neuen Kollektion neu zu legitimieren suchen.

Leider leben wir noch immer in einer Männergesellschaft, in der das weibliche Streben nach Gleichstellung auf eine Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende währende Geschichte zurückblicken kann. Markiert Andrej Pejic nun den Anfang vom Ende dieses Prozesses – eine Perestroika der Geschlechter?

Kann ich also endlich in das Kleid schlüpfen, um das ich meine Freundin schon immer beneidet hab, ohne mir um meine Virilität Sorgen machen zu müssen? Ja, und wenn: Was würde das ändern?


Mode lebt von den Assoziationen, von der Inszenierung, aus sich heraus bewirkt sie gar nichts. Sie stillt lediglich unser phantasmatisches Begehren.


Niemand würde mein Geschlecht plötzlich anzweifeln. Ich wäre immer noch ein Mann, im Kleid zwar, aber mit einem im Vergleich prozentual höheren Monatslohn und generell besseren Karriere-Chancen gegenüber Frauen.

Stichwort Frauenquote. Seit Wochen tobt nun schon die Debatte. Laut einer Studie des Instituts für Unternehmensführung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) besetzen Frauen in den 500 größten deutschen Unternehmen derzeit nur rund 2,4 Prozent der Führungspositionen.

Selbst In der Politik, seit je her eine Männerdomäne, könnte die Quote für so manche erfreuliche Veränderungen Sorgen. Noch zeigt sich ein eher ernüchterndes Bild. Den wichtigsten Bundesministerien, wie Finanzen oder Verteidigung, stehen in der Regel Männer vor. Resorts wie Familie, Bildung oder Gesundheit sind, dem traditionellem Rollenverständnis entsprechend, eher dem schwachen Geschlecht vorbehalten.

Nennenswerte Ausnahmen, wie unsere ehrenwerte Frau Bundeskanzlerin, stellen jedoch auch kein Novum dar. Ich möchte an dieser Stelle an die „eiserne“ Margaret Thatcher erinnern, britische Premiermninisterin von 1979 bis 1990.

Aber wäre die Modeindustrie, mit ihren vorwiegend weiblichen Akteuren, nicht der ideale Ausgangspunkt für eine Quoten gestützte Revolution?

Man nehme und blättere ein x-beliebiges Modemagazin durch: Mindestens eine Fotostrecke, in der blank gezogen wird, findet sich immer. Dabei reicht die Bandbreite von wie zufällig wirkenden Nippelblitzern über Vergewaltigungsfantasien bei Dolce & Gabbana bis hin zu Terry Richardsons Gesicht tief zwischen zwei pralle Arschbacken gegraben.

Die Mode ist eine weibliche Industrie mit einem zutiefst männlichen Blick.

Selbst Pejic, der Mann, kann sich diesem nicht entziehen. Er wird auf durch und durch männliche Art und Weise als Frau inszeniert, dass man in seinem Fall schon gar nicht mehr von Androgynität, welche immer einen Ahnung des wahren Geschlechts wahrt, sprechen kann. Pejic kommt in einem Chanel-Kleidchen dermaßen überzeugend daher, der Gedanke, seinen prachtvoll femininen Modelkörper ziere ein ebenso prachtvoller Penis, erschiene absurd. Er ist 100 Prozent Frau bzw. die Idee, ein abstraktes, eindimensionales, werbetaugliches Bild einer Frau. Stellte man sich also die ernste Frage, ob Andrej Pejic nun Mann oder Frau sei, so müsste man sich dieselbe Frage auch bei Freja Beha Erichsen oder Agyness Deyn stellen. Aber auch bei Kate Moss, Rosie Huntington-Whiteley, Lily Cole, Anja Rubik und jedem einzelne Model, von dem wir wie selbstverständlich ausgehen, sie seien weiblichen Geschlechts. Doch letztendlich ist die Frage nach dem Geschlecht überflüssig. Es rückt zugunsten von Ambiguität in den Hintergrund. So lautet die eigentliche Frage: Ist sie H&M oder Hermes, Zara oder Zegna, Femme Fatale oder Mädchen von nebenan, Clown oder Reptil?

Eniko Mihalik schlüpft in der Dezember/Januar Ausgabe des Russh Magazins gleich in mehrere Rollen. So lautet der bezeichnende Titel der Fotostrecke auch „Eniko is everything“.

Mode lebt von den Assoziationen, von der Inszenierung, aus sich heraus bewirkt sie gar nichts. Sie stillt lediglich unser phantasmatisches Begehren.

Angesichts dessen halte ich es auch für etwas voreilig in utopische Schwärmereien zu verfallen.

Von dem großzügigen Vorschuss, den Prüfer Pejic auf seinen Ikonenstatus gewährt, ganz zu schweigen.

Denn bis jetzt hat dieser nichts Weltbewegendes bewiesen. Bis auf die Tatsache, dass Männer den Frauen offensichtlich mal wieder einen Schritt voraus sind, oder frei nach den Kinks: Boys will be girls and girls will stay girls.


Mittwoch, 3. November 2010

Streetart ist keine Kunst

Die Geschichte von der kleinen Streetart, die auszog um große Kunst zu werden. 
Die Geschichte eines Missverständnisses. 

Eine Dose Molotow Sprühlack in der Farbe „verkehrsrot“. Eine Dose in der Farbe „tiefschwarz“. Eine Schablone bestehend aus vier 1 mal 1m großen Teilstücken. Eine Herbstnacht, ungemütlich und kalt. Ich wollte und konnte nicht länger warten. Ich machte mich auf den Weg zur S-Bahnbrücke. Das sollte mein bisher größter Coup werden.
Ich war Teil eines Phänomens, das das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends in popkultureller Hinsicht enorm prägen sollte. Es sollte groß werden.

Meine bescheidenen Werke zeigte ich auf Stencil Revolution. Ich checkte täglich den Wooster Collective Blog. Wenn ich durch die Straßen ging, betrieb ich urbanes Fährtenlesen. Sie alle hatten ihre Spuren hinterlassen: Faile, D-Face, OBEY, The London Police, Banksy. Eine Liste, der ich nur zu gerne meinen eigenen Namen hinzugefügt hätte. Doch weitab von der der unbedeutenden Berliner Peripherie, die ich damals meine Heimat nannte, war Streetart im Begriff eine Wandlung zu vollziehen. Während der öffentliche Diskurs vornehmlich von der Frage des Vandalismus bestimmt war, so war es in Streetart-Kreisen der ständig drohende Ausverkauf bzw. die Anerkennung als legitime Strömung der zeitgenössischen Kunst.



Aktuell beschert Banksys Kinodebut Exit Through The Giftshop dem Thema erneute Aufmerksamkeit. So rechnet er zwar in erster Linie mit den Mechanismen des Starkults ab, übt er unterschwellig und auf sehr unterhaltsame Weise jedoch auch Kritik an der Streetart selbst. Diese sucht mittlerweile als Urban Art, als klischeebeladener Frankenstein die Galerien und Museen heim. Banksys Film bestätigt indirekt das, was einige vielleicht schon ahnten, aber nicht wagten auszusprechen: Streetart ist keine Kunst.
 
In der Kunst wissen wir spätestens seit Duchamps Readymades, dass der Künstler nicht zwangsläufig auch Schöpfer des Werks sein muss.

Das mag für einige eine reichlich provokante Behauptung sein, hatten man doch mit großem Aufwand versucht Streetart vom Stigma das Vandalismus reinzuwaschen.
Die Nullerjahre sahen eine regelrechte Flutwelle an Straßenkunst über die Metropolen der Welt hinwegschwappen. Dabei hat sie, so die Kritiker, auch viel Belangloses angespült. Mittlerweile schmückt selbst das kleinste mecklenburgische Provinzkaff allerlei Schabloniertes und Geklebtes von zweifelhafter Qualität. Um den inflationären Verhältnissen zu entkommen lag nichts näher als sich in Galerien zu retten. So hatte man sich das Prädikat der legitimen Kunst verliehen und sich von der Kakophonie des Mittelmaßes in den Straßen abgegrenzt. 



Ganz im Gegensatz zur zeitgenössischen Kunst setzt Streetart eine gewisse Kunstfertigkeit, handwerkliches Geschick voraus, über die sich die Qualität der Arbeit bemisst und bewertet wird. Ganz im Sinne des allseits bekannten Aphorismus kommt Kunst in diesem Fall tatsächlich von Können. Man kann also von einer Art Autorenkünstler sprechen, der jeden Aspekt seiner Arbeit, angefangen bei der Skizze bis zur Platzierung in der Straße, selbst ausführt. Kein Streetartist würde auf die Idee kommen, die Kontrolle über seine Arbeit Dritten zu überlassen. Wer ließe sich ernsthaft diesen Spaß entgehen!?!

In der Kunst wissen wir spätestens seit Duchamps Readymades, dass der Künstler nicht zwangsläufig
auch Schöpfer des Werks sein muss. Die Kunstgeschichte ist in der Hinsicht reich an Beispielen.
Martin Kippenberger gab 1991 „sein“ Paris Bar Bild bei einem Berliner Plakatmaler in Auftrag. Sein Honorar betrug 1000DM. Letztes Jahr wurde das Bild vom Auktionshaus Christie’s, weit über dem Schätzpreis, für unglaubliche 2,7 Millionen Euro versteigert.
Ein weiteres prominentes Beispiel wäre Jörg Immendorf – Gerhard Schröders Haus- und Hofmaler, der in seinen letzten Lebensjahren, geschwächt durch seine schwere Krankheit, Assistenten malen ließ. Eine Praktik, die sich bis in die Werkstätten der alten Meister zurückverfolgen lässt. So wurde im Rahmen des „Rembrandt Research Projects“ bei einigen Werken festgestellt, dass es sich nicht um eigenhändige Arbeiten des Malers handelt.

Romantik, amerikanischer Realismus, Pop Art – Die Kunstgeschichte wird durch den Wolf gedreht und „Streetart“-gerecht aufbereitet.

Banksy treibt dieses Prinzip in seiner Mockumentary auf die Spitze: Thierry Guetta aka Mr. Brainwash, der vom Dokumentarfilmer zum Streetartist avancierte Protagonist beschäftigt eine ganze Armee von Assistenten, die jedes noch so offensichtliche Kunst-Klischee größenwahnsinnige Realität werden lässt. Romantik, amerikanischer Realismus, Pop Art – Die Kunstgeschichte wird durch den Wolf gedreht und „Streetart“-gerecht aufbereitet. Guettas Beitrag beschränkt sich auf ein paar adelnde Farbspritzer, kurz bevor ihm die aufgegeilte Menge die Türen zu seiner Ausstellung einrennt.
Befragt zu Guettas Instant-Erfolg bemerkt Shepard Fairey lakonisch, er habe geschafft wofür andere Jahre gebraucht haben. Angesichts dessen mag so mancher Jünger der ach-so-authentischen Streetart desillusioniert vom Glauben abfallen. Oder er folgt Guetta aus der Glaubenskrise ebenfalls direkt in die Galerie.

Vorreiter waren Anfang der Achtziger Jahre die New Yorker Graffiti Writer. Hip Hop wurde zum ersten Mal größere mediale Aufmerksamkeit zuteil, war jedoch noch weit entfernt von dem Massenphänomen, zu dem es sich viel später entwickeln sollte. Alles aus Downtown schien in Uptown plötzlich hip. Rap, Breakdance, aber vor allem Graffiti, das schon seit einigen Jahren das Stadtbild geprägt hatte, stand nun im Fokus der Kunstszene. Die schillerndsten Persönlichkeiten der New Yorker High Society schienen nicht genug zu kriegen. Um die steigende Nachfrage zu befriedigen, schossen die Galerien wie Pilze aus dem Boden. Vorher nur an New Yorker Hauswänden und Zügen zu bewundern, war Graffiti nun auf Leinwänden Konserviert, bereit in den Privatsammlungen und Museen auf der ganzen Welt zu verschwinden. 

Doch so schnell wie der Hype kam, verebbte er auch wieder. Zeitgleich waren zwei Künstler aus dem Dunstkreis der Graffiti-Szene dabei Weltruhm zu erlangen: Keith Haring und Jean Michel Basquiat. Selbst niemals wirklich dem traditionellen Graffiti verhaftet, antizipirten sie jedoch das was in den Nullerjahren als Streetart bekannt werden sollte. Charakteristisch war, der grafische Stil ihrer Tags. Ganz im Gegensatz zu denen der Graffitiwriter, die eher kaligraphischen Charakter besitzen.

Mathias Augustynial, Artdirector bei M/M Paris bemerkt im Interview, die Aufgabe eines Grafikdesigners bestehe letztendlich im Entwickeln von Zeichen zum Zweck der Reviermarkierung.
Basquiat und Haring bedienten sich ganz offensichtlich Techniken der Werbung bzw. der Visuellen Kommunikation. Sie verteilten ihre Tags bzw. Logos (stilisiertes Baby bei Haring; Krone und SAMO Schriftzug bei Basquiat) im Stadtgebiet und traten so ganz explizit und unmittelbar in den Dialog mit dem Betrachter. Dieser bedarf keinerlei „Fachwissen“ um die Tags zu identifizieren und zu verstehen.

Haring erkannte das kommerzielle Potential seiner Kunst. Er entschied sich ganz bewusst dafür sie und auch sich selbst konsequent zu vermarkten. In seinen POPSHOPs verkaufte er, sehr zum Unmut der Kunstszene, allerlei Nützliches und Unnützes versehen mit seinen Motiven. Irgendwann schien es fast schon unmöglich nicht mindestens einen popeligen Schlüsselanhänger zu besitzen, der mit Harings zappelnden Männchen oder strahlenden Babys versehen war.

Mit Kunst dagegen lässt sich nichts verkaufen.

Übertragen auf Streetart mag eine Kommerzialisierung erst einmal antithetisch erscheinen, sahen sich doch ihre Pioniere als Gegenbewegung zum gnadenlosen Ausverkauf des öffentlichen Raums.
So bedienen sich Streetartists Techniken der Werbung um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
Berlin, New York, Tokyo, Paris – über die ganze Welt kann ich die Spuren der Künstler verfolgen.
Die Vermutung es handle sich bei ihnen um Werbebotschaften globalisierter Marken wie Coca Cola oder Sony liegt somit nahe. Ebenso wie der Schritt sich ganz in die Dienste der Werbung zu begeben. So wie es einige unter dem Argwohn der eingeschworenen Streetart Gemeinde auch erfolgreich taten. WK Interacts dynamische Illustrationen beispielsweise bescherten nicht nur ihm, sondern auch den Werbekampagnen von Nike oder Adidas Beachtung und damit wohl auch beachtlichen Umsatz.

Was antworten Richard Serras Stahlskulpturen auf mein skeptisches Stirnrunzeln?

Mit Kunst dagegen lässt sich nichts verkaufen. Sie kommuniziert nichts. Sie ist stumm.
Was antworten Richard Serras Stahlskulpturen auf mein skeptisches Stirnrunzeln? Was Bruce Naumans Videos oder die Farbfeldmalerei Marc Rothkos? Wären wir überhaupt in der Lage sie als Kunst zu identifizieren würden sie nicht in einer Galerie oder einem Museum stehen? Würden wir ihnen Bedeutung beimessen hätte uns niemand über ihre tiefschürfende Bedeutung aufgeklärt?
Gleich einem mystischen Götzenbild, spricht das Kunstwerk durch sein Medium, das heißt den Galeristen, Kurator, Kunsthistoriker oder Audioguide. Kunst bedarf um als ebensolche wahrgenommen zu werden, um eine Stimme zu erlangen, der Nobilitierung durch Galerien oder Museen. Außerhalb und auf sich allein gestellt ist Kunst nicht möglich.
Ebenso ist es nicht möglich Streetart in den white cube der Galerie zu sperren, ohne dass sie dabei ihre Stimme verliert. Selbst dann nicht, wenn man sie geschickterweise in Urban Art umtauft.
D-Face bringt das, was Walter Benjamin den Verlust der Aura nannte im Vorwort zu The Art Of Rebellion auf den Punkt:

[…] to take the work out of its urban context means the work nearly always loses something in transition, part of the creativity is how it integrates within the environment, the chosen spot which gives it the finishing touch… There is something missing like the interaction and conflict of the work in location.

Wir stellen also fest, dass sowohl Kunst als auch Streetart kontextgebunden ist.
Streetart gewinnt an Bedeutung durch den Bezug auf ihre Umgebung, in der sie selbstständig in den Dialog mit dem Betrachter tritt.

In der Galerie befindet sie sich in einem semantischen Vakuum. Sie bezieht sich dort auf etwas, das ganz offensichtlich nicht vorhanden ist und im krassen Widerspruch zum Galerieraum steht: den öffentlichen Raum. Denn mehr noch tut sich in der Galerie eine tiefe räumliche, soziale, als auch ökonomische Kluft zwischen Werk und Betrachter auf. Ganz banal fängt das bei den Öffnungszeiten an, also der Tatsache, dass ich die Ausstellungsräume nur zu bestimmten Zeiten betreten kann.
Darüber hinaus bestimmt mein individueller kultureller Hintergrund ob ich überhaupt Zugang suche. Sabine von der Wursttheke werd ich wohl weniger auf einer Vernissage oder im Museum antreffen. Nicht weil sie grundsätzlich desinteressiert ist. Vielmehr ist es diese unsichtbare soziale Schranke in Form ihrer kulturellen Prägung, dem Habitus, der mit der Kunstbetrachtung einhergeht, oder um es mit Bourdieu zu sagen, ihre fehlende Fähigkeit zur „reinen“ Wahrnehmung, die sie davon abhält. In der Galerie kommt es zu einer Segregation, die dem Ethos der Streetart zuwiderläuft.

Die Tatsache, dass Galerien keine Wohltätigkeitsvereine sind wird gerne außer Acht gelassen. Größtenteils handelt es sich um privatwirtschaftliche Unternehmen, darauf bedacht die ausgestellten Werke so gewinnbringend wie möglich zu veräußern. Das was eigentlich allen zugänglich sein sollte ist nun einigen, mit dem nötigen Kleingeld gesegneten Wenigen vorbehalten.

Aus Mangel an Kontext wurden alle noch so ausgelutschten Klischees durchdekliniert um klar zu machen, dass man sich im Geiste noch zur Streetart zählt.

Befürworter werden wohl dagegen einwenden, es handle sich wohlgemerkt um Urban Art und nicht um Streetart. Auf der diesjährigen Urban Art Messe Stroke wurde deutlich, dass sich die begriffliche Abgrenzung als problematisch erweist. Beim Rundgang durch die Ausstellungshalle kam unweigerlich das Gefühl auf die ausgestellten Werke wurden über Nacht mal schnell zusammengebastelt. Aus Mangel an Kontext wurden alle noch so ausgelutschten Klischees durchdekliniert um klar zu machen, dass man sich im Geiste noch zur Streetart zählt. Auffällig waren auch die für zeitgenössische Kunst recht niedrig angesetzten Preise. Bewegten sie sich bei den zeitgleich stattfindenden Konkurrenzveranstaltungen deutlich über meinen finanziellen Möglichkeiten, so waren sie auf der Stroke, ich sag mal, taschengeldgerecht. Einige Ausnahmen wie Danny Gretschers großformatige Arbeiten, auf dem ersten Blick nicht wirklich der Street- bzw. Urban Art zuzuordnen, lagen preislich etwas höher. Im Vergleich aber trotzdem noch überdurchschnittlich, ja fast schon beschwichtigend niedrig angesetzt. Auf diese Weise soll „Streetart“ auch weiterhin für ein großes Publikum erfahrbar bleiben. Nur leider verkommt die Stroke dadurch zu einem besseren Postershop.

Plexiglasscheiben, Kameras und Wachschutz sichern sie vor geschäftstüchtigen Mauerspechten – und natürlich vor Vandalismus.

Vielleicht lässt sich ja damit wenigstens der fleißig betriebene Kunstraub in den Straßen unterbinden. Hausbesitzer bangen um ihre plötzlich im Wert gestiegenen Fassaden, seit sich herumgesprochen hat, dass das was man vor nicht allzu langer Zeit noch kriminalisierte, jetzt schützenswertes, weil wertvolles Kultur- und Handelsgut ist. Plexiglasscheiben, Kameras und Wachschutz sichern sie vor geschäftstüchtigen Mauerspechten – und natürlich vor Vandalismus. 

Schon immer ihr größter Star und Kritiker hat der gute Banksy schon früh erkannt, dass sich Streetart in ihrem Krampf um künstlerische Relevanz und Anerkennung in der Bedeutungslosigkeit verliert. Die Frage ist nur ob er das Ende nur prophetisch vorausgesehen hat oder ob er bewusst oder unbewusst dazu beigetragen hat. Exit Through The Giftshop kann man als einen Nachruf sehen. Ich sehe ihn vielmehr als Pflock, der dem untoten Treiben der Streetart endlich ein Ende setzt. Möge sie in Frieden ruhen.

Montag, 2. August 2010

Texte zur Kunst

Zeitgemäße Modetheorie und Kritik




Im Zuge der Einführung des Ipads vor wenigen Monaten, ließen sich die großen Verlage nicht lange bitten und bieten nun ihre Zeitungen und ausgewählte Zeitschriften auch im Ipad-kompatiblen Format an. In dem Zusammenhang war oft die Rede vom gesättigten Zeitschriftenmarkt und der allgemeinen Tendenz, dass mit den E-Readern klassische Printpublikationen früher oder später von der Bildfläche verschwinden werden.
Dass dies jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt der Realität entspricht, beweisen immer wieder Nischenpublikationen aus dem Design-, Kunst- und Gesellschaftsbereich, die in DIY Manier und ohne großen Verlag im Rücken in überschaubarer Auflage produziert werden und weltweit in ausgesuchten Geschäften erhältlich sind. Man könnte von Fanzines sprechen, die jedoch durch professionelle Gestaltung und Liebe zum Detail bestechen, die man von Großverlagen wie Gruner und Jahr nicht erwarten kann (Obwohl es auch immer Ausnahmen gibt, wie der NEON-Ableger NIDO, der nicht nur junge Eltern, sondern auch kinderwunschlosglückliche Grafiker wie mich begeistert).


Jedoch stellt sich bei mir mittlerweile ein Sättigungsgefühl auch im Bereich der unabhängigen Modepublikationen ein, die größtenteils nett anzuschauen sind, also mit schönen Editorials und einem interessanten gestalterischen Konzept auftrumpfen können, jedoch auf textlicher Ebene ihre Stärken und Chancen gegenüber der Konkurrenz vor allem durch Blogs nicht genügend auszuspielen vermögen. Thematisch setzt man sich zwar gerne mit Dingen jenseits des modischen Tellerrands auseinander, z.B. Kunst, Architektur oder Film, jedoch eher selten mit der eigenen soziokulturellen Bedeutung und Verantwortung. Damit hat sich, ausgelöst durch die rasche mediale Verbreitung und dadurch gestiegene gesellschaftliche Relevanz der Mode, eine Nische aufgetan, die darauf wartet besetzt zu werden.
Diese Aufgabe übernehmen häufig Magazine mit popkulturellem Hintergrund, wie z.B. die Spex oder DeBug, die in letzter Zeit mit sehr lesenswerten Artikeln punkten konnten.


Auch die aktuelle Ausgabe der Texte zur Kunst nähert sich der eher unpopulären theoretischen Seite der Mode auf sehr zugängliche Art und Weise, indem sie den Bezug zu aktuellen Themen wahrt.
So setzte sich Herausgeberin Isabelle Graw mit einem Thema auseinander, das schon viel zu oft diskutiert wurde, ohne dass man zu einem zufriedenstellenden Konsens Gelangt ist. In ihrem Essay zur „modelfreien“ Brigitte betrachtet sie den Magerwahn zur Abwechslung einmal aus einer anderen Perspektive und stellt dabei fest, dass die von der Zeitschrift propagierte Natürlichkeit nicht nur gezieltes Marketing ist (Wer hätte das gedacht?), sondern Frauen auch dazu zwingt ihre „inneren Werte“ einem Idealtypus, einem charakterlichen Schönheitsideal zu unterwerfen.



Dass die Qualität eines Interviews nicht nur von der interviewten Person abhängt, sondern auch von einem ehrlich interessierten Fragesteller, beweist der Künstler Merlin Carpenter, der mit großer Begeisterung für die Yves Saint Laurent Herrenkollektion, Creative Director Stefano Pilati in ein ausuferndes Gespräch verwickelt, das mehr zutage fördert als die üblichen Frage-Antwort-Spiele.
Auch sehr lesenswert ist der Auszug aus Frédéric Monneyrons Essay „La frivolité essentielle. Du vetement et de la mode“. Darin beleuchtet der französische Soziologe die Rolle von Designern und Modezeitschriften bei der Umsetzung und Legitimation von modischen Trends. Monneyron setzt sich intensiv mit dem Thema Mode auseinander. Zuletzt erschien das Buch „La Photographie de mode. Un Art Souverain“. Alle seine Publikationen sind auf Amazon erhältlich (jedoch leider nur auf Französisch soweit ich weiß).
Die Soziologin Monica Titton schreibt über das aktuelle Phänomen des Streetstyle. Dabei geht sie ausführlich auf die Geschichte der Streetstyle Fotografie ein, die ihren Anfang im britischen ID Magazin nahm, betrachtet die grafische Gestaltung von Streetstyleblogs, und letztendlich deren (nicht allzu großer) Beitrag zur Demokratisierung der Mode. Ein sehr lesenswerter Artikel, der das vertieft, was ich in meinem Essay schon angeschnitten hatte.
Eine Silhouette, die uns jetzt schon seit längerer Zeit begleitet, ist Thema eines Artikels der freien Journalistin und Bloggerin Mahret Kupka. Die Skinny Jeans, die seit der Lancierung durch Hedi Slimane für Dior Homme Anfang des Jahrzehnts, bis jetzt ihre Vormachtstellung unter den Jeansschnitten hält, sieht sie als offensichtlichstes Zeichen eines „Streben[s] nach schlanken Körperformen“. Am deutlichsten kommt dies wohl bei Karl Lagerfeld zum Ausdruck, dessen Begeisterung für Slimanes schmale Schnitte zu einer radikalen Metamorphose führte.


Texte zur Kunst erscheint vierteljährlich und ist für €15 im gutsortierten Bahnhofskiosk oder in Berlin bei Do you read me? und der Buchhandlung Walther König erhältlich.

Dienstag, 27. Juli 2010

Modische Vorbilder dringend gesucht

Jede große (Jugend-)Subkultur wusste sich durch einen bestimmten Stil zu kleiden von der Masse abzuheben. Doch kann man in dem Fall von Individualität sprechen?

Die letzte große Technowelle, die ihren Höhepunkt in der medial ausgeschlachteten Love Parade fand, zu der sich die großen DJs prozessionsgleich über die Berliner Straße des 17. Juni haben karren lassen, wird gerne als die letzte generationenprägende Subkultur genannt, die letztendlich an ihrer Größe verendet ist und mittlerweile nur noch paradigmatisch für die stilistischen Entgleisungen eines 90er-Jahre Neo-Hippietums steht.
Nach einer relativ kurzen gittarengeprägten Pause, feiert Techno, vielfach unter dem schwammigen Begriff Electro, eine Renaissance, von der man in dem Ausmaß nie zu träumen gewagt hätte.
„Der Techno der Nullerjahre hat keine Botschaft“ stellt Tobias Rapp, Autor des Buches Lost and Sound, Im Interview fest. Der neue verbesserte Techno 2.0 schließt dadurch niemanden mehr aus, lässt damit Freiräume für individuelle Lebensentwürfe, schafft ein hedonistisches Ich-Bewusstsein. Ein Faktor, der wohl maßgeblich zum Erfolg der aktuellen Technowelle beigetragen hat.
Die Stars der dieser Szene genießen zwar weltweite Bekanntheit, sind im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den Neunzigern in den Mainstreammedien und Charts kaum bis gar nicht präsent. Die Szene schwankt somit zwischen Mainstream und Underground, ohne sich eindeutig zu einer Richtung zu bekennen.
Im folgenden Zitat aus der Juli/August-Ausgabe der DeBug lassen sich ähnliche Tendenzen auch in der (Kleider-)Mode deuten:

„Der Einbruch des Internets in die Mode hat bisher vor allem eine Leerstelle produziert, die durch das Verschwinden einer Jugend, die sich durch einen eigenen konsistenten Stil ausdrückt, begleitet und verstärkt wird. Traditionell, also seit etwa 60 Jahren, gab es immer eine Jugend, die sich der Mode angenommen hat, ihre Ränder ausgelotet, und einen originären Stil entwickelte, der großen einfluss auf die klassischen Modewelt hatte. Das war im Punk so, auch bei Teds, Rockern, Poppern, Mods, Rastafaris, Skinheads und HipHoppern, noch jede Jugendkultur hatte einen später ökonomisch fass- und verwertbare Kleidercode hervorgebracht, der bis heute in unsere Welt hineinragt.“


[…]


„Und gerade nun, wo die Möglichkeiten und der Zwang zum Individualismus größer denn je sind, da heben die Protagonisten den Kopf und schauen nach oben. Inszenieren dieselben Gesten, dieselben ästhetischen und körperlichen Idealen in denselben Klamotten, nur als Kopie von H&M oder Zara. Sie schauen mit großen Augen, die sich nach Führung sehnen.“

Der Autor klagt hier ganz offensichtlich über die mangelnde Kreativität einer Jugend, die die Möglichkeiten des Internets und des eigenen Potentials ungenutzt lässt und somit die Chance verspielt sich als legitime Erben der genannten Subkulturen zu behaupten. Was sich als eine Art Erbfolgekrise präsentiert ist nichts weiter als das Ergebnis einer verzerrten Wahrnehmung, die (Jugend-)Subkulturen lediglich auf ihren „ökonomisch fass- und verwertbaren Kleidercode“ reduziert und den Rest, seien es nun soziale Faktoren, wie die working class Herkunft der Skinheads oder die Religion der Rastafaris, ignoriert. Subkulturelle Mode ist niemals, wie hier angedeutet, Selbstzweck oder Zeichen von Individualität, sondern war und ist noch immer Ausdruck eines gemeinsamen Wertesystems. Es wird peinlich genau darauf geachtet dem Bild seiner Subkultur zu entsprechen (z.B. maßgeschneiderte Anzüge nach italienischem Vorbild und Fishtail Parka bei Mods oder Drapes, Drainpipe Hosen und Creeper bei Teds) um innerhalb der Gruppe akzeptiert zu werden.
Der Kleidercode ist dabei so verbindlich, dass er es schafft in seiner größtenteils ursprünglichen Form Jahrzehnte zu überdauern. So sind Doc Martens seit ca. 40 Jahren essentieller Bestandteil der Skinheadmode. 


 Skinheads. Auch wenn es nicht so ausschaut, alles Individuen (Bild: nuttyboys.co.uk)

 „Der Zwang zum Individualismus“ lässt der im Artikel beschriebenen Jugend, den Fashionistas, dagegen nichts anderes übrig, als auf sich ständig wechselnde Trends und Kollektionen zu reagieren, das heißt sich ihnen so schnell wie möglich, also am besten bevor es alle anderen tun, anzupassen um ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Das Streben nach Individualität schließt somit Gemeinsamkeiten aus.

Zu ihren Hoch-Zeiten galten Subkulturen keineswegs als stilbildendes Beispiel. Eher sah man in ihnen antisozialen Ausdruck und Aufbegehren unterprivilegierter Schichten, einen Gegenentwurf zum herrschenden Lebensstil. Das bleiben sie auch, bis sie bzw. ihr Kleidercode irgendwann durch die modische Avantgarde rehabilitiert und im Zuge dessen dekontextualisiert und romantisiert werden.
Das, was sich unter der Kleidung verbirgt, die oftmals prollige Unterschichten Konnotation wird dabei ausgeklammert. Dass sich die schicken Mods mit den rohen Rockern in den südenglischen Seebädern regelmäßig brutale Straßenschlachten geliefert haben und sich somit nicht besser verhalten haben als englische Hooligans, während der Fußball-WM, müsste man spätestens seit Quadrophenia wissen.
Ebendiese Rocker, die ewigen Gegenspieler der Mods, standen der Frühling/Sommer 2011 Kollektion Christopher Baileys für Burberry Prorsum Pate: Rohe Rocker-Romantik lammlederweich gespült.

 Burberry Prorsum SS 2011 (Bilder: Style.com)

Der jüngst verstorbene Alexander McQueen ließ sich für seine letzte McQ Herrenkollektion von Skinheads inspirieren:

 McQ by Alexander McQueen (Bild: gradientmagazine.com)

Die Tatsache, dass es sehr wohl noch Subkulturen mit einem eigenen Kleidercode gibt wird gerne von der legitimen Mode übersehen bzw. wird sie gesehen, aber nicht auf modischer Augenhöhe wahrgenommen. Höchstens wenn Amy Winehouse ihr Haus mal in Jogginghose verlässt, kommentiert man ganz verächtlich ihren chav-style, den bekannten englischen Proletenstil. Doch wird aktuellen Subkulturen in der Regel jegliches modisches Verständnis abgesprochen. Mode wird an der Torstraße in Berlin Mitte vermutet, während in der städtischen Peripherie das gepflegte Proletentum zelebriert wird. Welcher Streetstyle Fotograf käme ernsthaft auf die Idee in Gropiusstadt oder im Märkischen Viertel auf die Jagd zu gehen?

Findet sich hier der nächste große Modetrend? (Bild: Morgenpost.de)

Fashionistas bedienen sich stattdessen in der Vergangenheit. Und weil sie damit und der Fashion Week, den Blogs und der Vogue, dem Proll in seiner Jogginghose weit voraus sind, stilisieren sie sich zur Avantgarde (ein Begriff, der in Zeiten der sofortigen medialen Verbreitung von Informationen, in diesem Fall jedes für die Abgrenzung nötige subkulturelle Insiderwissen, seine Bedeutung eingebüßt hat), schauen in ihrer Orientierungslosigkeit aber „mit großen Augen“ nach oben, zu den Moderedakteurinnen, den Designern, den Models, suchen Gemeinsamkeiten, einer Identität, lehnen sie gleichzeitig aber ab.
Wer sich nach der Mode richtet, so Baudelaire, der gleicht schließlich dem, „was er sein möchte“.
Scheinbar ohne zu wissen, was sie denn nun sein möchte schwankt die modeaffine Jugend zwischen dem Bedürfnis nach Abgrenzung und dem Bedürfnis nach Anerkennung, zwischen Mainstream und Underground.

Samstag, 12. Juni 2010

Bedingt empfehlenswert für Klaustrophobiker: Olafur Eliasson - Innen Stadt Außen

(Bild: Jennifer Sawarzynski)
Als exemplarisches Erlebnis mit zeitgenössischer Kunst führ ich immer wieder gerne meinen Besuch im Hamburger Bahnhof vor einigen Jahren an. Mit den besten Absichten meinen kulturellen Horizont etwas zu erweitern ließ ich mich also auf die Flick Kollection ein und bezahlte dieses Vorhaben bitter. Gut, Herpes hab ich mir nicht zugegezogen, doch war das Preis-Leistungsverhältnis bzw. Preis-Unterhaltungsverhältnis ernüchternd. Ich fühlte mich In etwa so wie die deutsche Durchschnittsfrau nachdem sie die Vogue durchgeblättert hat: unzufrieden und voller Minderwertigkeitskomplexe. Der erhoffte Bildungszuwachs blieb aus, denn scheinbar fehlte mir die intellektuelle Grundlage um mich erfolgreich mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzen zu können. Natürlich konnte es nur nach hinten losgehen, war ich doch der festen Überzeugung der Künstler wolle sich mir über sein Kunstwerk mitteilen, mir ein Geheimnis offenbaren, das zu brisant, zu komplex ist um es auf einfacherem direktem Wege zu übermitteln.
Doch wie der Medientheoretiker Marshall McLuhan einmal bemerkte, ist die eigentliche Botschaft des Künstlers sein Image. 
„It’s not how much you work on something that matters. It’s how much you get for it.” Belehrt der Galerist Bruno Bischofberger, gespielt von Dennis Hopper, den jungen, noch unbekannten Künstler Jean Michel Basquiat in Julian Schnabels gleichnamigen Film. Kunst kommt demnach also nicht von Können, sondern von Verkaufen. Ein gutgepflegtes Image kann da natürlich nur förderlich sein. Seien es nun Party- und Drogenexzesse à la Kippenberger oder die wilde Hausbesetzervergangenheit eines Daniel Richter. Selbst das Bad Boy Image Caravaggios zieht heute noch Besucher in die Uffizien.
Ein Künstler, dem sein Image scheinbar nicht so wichtig ist, sich aber trotzdem nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen kann ist Olafur Eliasson. Der isländische Künstler präsentierte sich mir im Berliner Gropius Bau fast schon mit protestantischer Bescheidenheit und Zurückhaltung. Vor meinem inneren Auge trägt Eliasson einen weißen Laborkittel und strahlt eine stoische Bescheidenheit aus, die fast schon vulgär ist. Das mag im ersten Moment in krassem Widerspruch zu seinen raumfüllenden Installationen stehen, die irgendwo zwischen Physikalischem Experiment und New Age Selbstwahrnehmungsseminar einzuordnen sind. Er macht die Art von Kunst, die Kifferherzen höher schlagen lässt und wahrscheinlich auch die von Liebhabern anderer Drogen. Und genau das macht ihn zu einem großen Künstler. Also nicht die Tatsache, dass er den Drogenkonsum verherrlicht, sondern dass er den Betrachter explizit in seine Kunst miteinbezieht. Er schließt ihn nicht aus, er stellt sich nicht über ihn. Ohne die Ausstellungsbesucher würde seine Kunst schlichtweg nicht funktionieren. Das heißt es geht weniger um Eliasson, also das was er uns über sich sagen will, als das was wir, durch die Betrachtung seiner Kunst, über uns und unser Verhältnis zum Raum und den Menschen, die sich in ihm befinden, erfahren können.
Den Raum selbst löst er dabei oft genug auf, sei es durch Nebel, Spiegel oder Licht. Was nicht nur zu Reflexionen sondern auch fast zu Kollisionen mit plötzlich aus dem Nebel auftauchenden Wänden führte.
Eliasson nutzt für seine Kunst physikalische Phänomene, gibt ihr dadurch eine logisch nachvollziehbare Basis und somit einen Angriffspunkt für das Verständnis seiner Arbeit. Die häufigste Frage, die ich mir stellte war: „Wie hat er das gemacht?“ weniger „Was meint er damit?“.
Trotz der wissenschaftlichen Anmutung ist Eliassons Werk somit das beste Beispiel für die Subjektivität und Emotionalität der Kunst.
Stehst du also im bunten Nebel und hast Spaß dabei, dann hast du vielleicht nicht unbedingt Eliassons Kunst kapiert, jedoch auch kein Geld verschwendet. Erhöht sich dagegen deine Herzfrequenz, hast Atemnot und Panikgefühle, dann hast du ganz offensichtlich den Warnhinweis am Eingang nicht ernst genug genommen.

Sonntag, 23. Mai 2010

A Single Man - A Fragrance by Tom Ford


Models, die sich als Schauspieler versuchen, das kennt man. Früher oder später, ungefähr mit Mitte zwanzig, setzen die Modelwechseljahre ein. Man fängt an nach Größerem zu streben, möchte endlich ernst genommen werden. Die Karriere wird vom Laufsteg ins cineastische Mittelmaß verlegt.
Modedesigner, die eine Zweitkarriere als Regiesseur anstreben, kennt man eigentlich nur von Karl Lagerfeld, der neben recht lahmer Mode für Chanel und ebenso unspannender Fotos seines Boytoys Baptiste Giabiconi, neuerdings auch ziemlich amateurhafte Kurzfilme bietet.
Etwas ernsthafter geht es dagegen Kollege Tom Ford an. Nun hab ich es mit einiger Verspätung doch noch endlich zu seinem Gesellenstück A Single Man ins Kino geschafft.
Inwieweit der Film sich an Christopher Isherwoods Romanvorlage hält, kann ich leider nicht sagen, da ich sie nie gelesen hab. Jedoch bin ich der Meinung, dass dies für die Bewertung des Films irrelevant ist. So wie ein Foto nie die Wirklichkeit darstellt, kann auch der Film nur eine Interpratation der literarischen Vorlage sein und kann daher nur als solche bewertet werden.

Ein Mann erwacht aus seinem Albtraum, ehe er sich mühsam aus dem Bett quält um seine allmorgendliche Verwandlung in George Falconer, seines Zeichens Literaturprofessor an einer Uni in Los Angeles, zu vollziehen. Sein langjähriger Lebenspartner Jim kam vor ungefähr 8 Monaten bei einem Autounfall ums Leben. Seitdem wird George von schweren Depressionen geplagt. Dies soll sein letzter Tag werden.
Ford zeichnet hier das Portrait eines Mannes, der sich und sein Leben gänzlich einem Konzept unterworfen hat, das vor allem in seinem modernistischen Haus, das wie ein Raumschiff in seiner bürgerlichen Nachbarschaft thront, zum Ausdruck kommt. Jeder Handgriff in der morgendlichen Routine, jeder Gegenstand scheint dort präzise verortet zu sein, und bildet mit dem Haus ein Gesamtkunstwerk, und jeder Versuch auch nur einen Stuhl von seinem angestammten Platz zu entfernen hätte den Einsturz des ästhetischen Konzepts zur Folge.
Wie jeder einzelne Gegenstand im Haus, so hat auch sein Lebenspartner Jim über die Jahre tragende Rolle übernommen. Er war das verbindende Glied zwischen Georges streng geordneten Inneren und der sinnlich chaotischen und unkontrollierbaren Außenwelt. George ist somit in seiner Trauer weniger in der Vergangenheit als in seinem eigenen neurotischen Selbst, seiner „Le Corbusieritis“, gefangen, das repräsentiert durch sein Haus, keinerlei unerwarteten Eingriffe, wie es Jims Tod darstellt, erlaubt, ohne dass es zusammenbricht.
George erlebt die Welt durch ein sinnetrübendes Fenster bzw. den gläsernen Wänden seines Hauses. Er sieht sie zwar, ist aber ohne Jim nicht mehr in der Lage sie zu fühlen.
Es sind also weniger die sozialen Normen, wie beispielsweise in Louis Malles „Le feu follet“, die den Protagonisten in den Selbstmord treiben. George ist trotz seiner Homosexualität, die scheinbar ein offenes Geheimnis ist, in seiner spießigen gutbürgerlichen Nachbarschaft vollständig integriert. Die sexuelle Orientierung spielt also in der Hinsicht eine eher untergeordnete Rolle. In „A Single Man“ inszeniniert ein schwuler Regisseur zwar einen schwulen Protagonisten, jedoch handelt es sich um keinen schwulen Film. Die Thematik würde ebenso gut vor heterosexuellem Hintergrund funktionieren.
Schnitt auf die roten Lippen, Schnitt auf die blauen Augen, nackte tennisspielende Oberkörper, ein lasziv rauchender Brigitte Bardot Lookalike. Die Allgegenwart von Sex fällt sofort auf, soll er doch ganz offensichtlich den Kontrast zu Georges grauer depressiver Welt bilden und ihn davon überzeugen, dass auch andere Mütter schöne Söhne haben. Aber ob ein Suizidaler, jemand, der wie George beschlossen hat sich noch am selben Tag von der Welt zu verabschieden, wirklich durch ein paar sexuelle Reize von seinem Vorhaben abgebracht werden kann, dass ein bisschen nacktes Fleisch das bewirken kann, wofür eigentlich gut ausgebildetes Fachpersonal zu Rate gezogen werden müsste, erscheint mir doch etwas fragwürdig.
Den Schwerpunkt legt Ford eindeutig auf das Visuelle. Auffällig ist, neben den etwas zu gut aussehenden Charakteren, allen voran den schwulen Posterboys Kenny und Carlos, die Art wie Ford mit Farbe umgeht um bestimmte Stimmungen zu vermitteln: Entsättigte Farben weisen eindeutig auf Georges Depression hin wohingegen die raren schönen Momente in leuchtende Farben getaucht sind. Der Flashback entführt uns in eine schwarz-weiße Vergangenheit, einer Felsenlandschaft, in der George und Jim ebenso gut für die neueste Dior Homme Kampagne posieren könnten.
Das Gefühl, es handle sich eigentlich um eine überaus gelungene Werbekampagne, einem Parfum-Werbespot mit Überlänge, ließ mich den ganzen Film über nicht los. Jedoch meine ich das durchaus im positiven Sinn. Lassen sich doch meinen schönsten Momenten auch ganz bestimmte Düfte zuordnen: Paris by Yves Saint Laurent, Coco Mademoiselle by Chanel, Pure by Jil Sander, A Single Man by Tom Ford.

Freitag, 14. Mai 2010

Die (Ohn)macht der Straße - Modeblogs und Demokratie

Couturier - ich mag diesen Begriff, ich mag den Klang, die Tatsache, dass es französisch ist. Das hat was Patriarchalisches bzw. matriarchalisches und auch ein bisschen was exzentrisches. Er steht für ein System, an dessen Spitze eine Person steht, die mit ihrem Namen für die handwerkliche Qualität ihres Produktes bürgt. Wenn man ihn hört, denkt man zwangsläufig (vor allem aufgrund des Films, den ich aber nicht gesehen hab) an Mademoiselle Chanel, die mit Kippe im Mund, wie eine strenge Mutter, das Kostüm am Modell nochmal zurechtzupft, bevor Sie es auf den Laufsteg schickt.
Wenn man heutzutage von Modeschaffenden spricht, dann spricht man meistens von Modedesignern. Design, ein Begriff freundlich und nett, rund und chic, kosmopolitisch, und auch ein bisschen wichtig(tuerisch). Vor allem aber demokratisch, so demokratisch, wie die englische Sprache, der er entstammt. Bei Design denkt man an helle Agenturräume, in denen um einen Eiermann Tisch, auf Eames Stühlen, coole hippe Leute versammelt sitzen und ihr nächstes super Projekt besprechen.
Es ist wohl Pierre Cardin, den man als ersten Modedesigner bezeichnen darf, der die Couture hinter sich ließ und mit seiner ersten Prêt-à-porter Kollektion, einen Eklat in der Modewelt, die hauptsächlich aus den Couturiers und deren reiche Kundinnen bestand, auslöste. Er erkannte den Zeitgeist und versorgte die breite Masse mit moderner, zeitgemäßer und vor allem praktischer Mode. Cardin revolutionierte und demokratisierte sie.
Wie es scheint, befinden wir uns wieder mitten in einer weiteren Revolution. Fast schon inflationär wird der Begriff der Demokratisierung der Mode in Verbindung mit Modeblogs genannt. Jeder der meint sich zum Phänomen Modeblog äußern zu müssen, erwähnt ihn früher oder später.


Sozialistischer Luxus

Susie Bubble (Bild: stylebubble.typepad.com)

„Bloggen demokratisiert das Business.“ So wird beispielsweise Stefano Gabbana vom Designerduo Dolce und Gabbana in der FAZ zitiert. Das was genau damit gemeint ist bleibt erst mal schleierhaft. Gabbana scheint uns damit nahezulegen, dass es sich beim (Mode)Business um ein repressives Regime handelt, an dessen Spitze sich eine herrschende Elite befindet, der sich der Normalsterbliche, ohne Aussicht auf Mitbestimmung, zu fügen hat. Eine wunderliche Aussage, wenn man bedenkt, dass die Herren Dolce & Gabbana Teil dieser Elite (oder vielleicht doch nur Handlanger?) sind. Ganz offensichtlich tritt hier der wirtschaftliche Aspekt zutage. Warum sollten sie ein Demokratiebestreben begrüßen, wenn nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
Fakt ist, Blogger wie Bryan Boy oder Susie Bubble sind längst in der Front Row angekommen und haben klassischen Journalisten als Meinungsmachern und Trendsettern längst den Rang abgelaufen.
In kürzester Zeit avancierten Blogger von bloßen Modeinteressierten, die ihre Leidenschaft mit gleichgesinnten teilen wollten, zu gefürchteten, gehassten, bewunderten Persönlichkeiten, zu regelrechten Stars und Lieblingen der Designer. Unter diesen Umständen war es natürlich nicht verwunderlich, dass bald die ersten Stimmen laut wurden, die den Bloggern vorwarfen bloßes Marketing-Werkzeug zu sein. Da die meisten privaten Blogs eher nebenbei als Hobby gepflegt werden, ist die Versuchung natürlich groß, sich durch ein paar verkaufte Blogeinträge etwas dazuzuverdienen. Anfällig sind dafür besonders kleinere, weniger bekannte Blogs, die dann schon mal ein Gratis Mobiltelefon abstauben können, im Gegenzug für einen ausführlichen Testbericht.
Blogger dienen als Vorbild, als modische Vorkoster. Sie ebnen den Weg für neue Trends und tragen dabei auch die Botschaft von einem „sozialistischen Luxus“ übers Netz bis in die entlegensten Ecken der Welt. Jeder soll die Chance und vor allem auch das Recht auf ein bisschen Luxus haben bzw. das Recht zu wissen, dass es theoretisch möglich ist diesen Luxus zu erreichen. Sei es auch nur durch eine dreiste Kopie von Zara, die aber Dank aufwendiger Werbekampagne, inklusive Supermodel und Starfotograf, zwar nicht derselbe Hauch von Luxus umweht, aber gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist. Das wiederum führt, dadurch dass sich Luxus lediglich über eine abstrakte Idee als über hochwertiger Materialien und Handwerkskunst definiert, zu eine Profanisierung selbigen.
Demokratisierung lässt sich in diesem Fall wohl eher als eine Markterweiterung, weniger als eine Öffnung und Teilhabe am Markt verstehen.

 
 Bryanboy (Bild: bryanboy.com)

Doch ist es den Mode-Bloggern möglich das Phänomen Mode an sich, d.h. die Systematik die uns immer wieder neue Trends, Kollektionen, Farben und Formen beschert, zu demokratisieren?

Das wär echt knorke.
Wie bitte? „Knorke“? So etwas kann man heutzutage doch nicht mehr ohne ironischen Unterton sagen.
Frage: Was hat eine Imbisbudenvokabel wie „knorke“ mit Plateaustiefeln der Marke Buffalo gemeinsam (Wir erinnern uns?)?
(Beste) Antwort: Es ist mehr oder weniger aus der Mode.
Bis vor einiger Zeit hätte ich wohl noch die Schulterpolster als Beispiel genommen. Diese haben jedoch mittlerweile eine überraschende Renaissance erfahren und können daher leider nicht mehr als abschreckendes Beispiel fungieren.
Mode, wie das Beispiel so schön illustriert, manifestiert sich in verschiedenen Formen. Da wir Menschen aber sehr stark visuell geprägt sind, zeigt sie sich am deutlichsten an unserer Kleidung.
Mode ist weitaus komplexer als sie uns erscheint. Ein Umstand, der eine Demokratisierung scheinbar nur unter großem Aufwand möglich macht.


Zeig, was du hast

Die Soziologin Elena Esposito, die sich u.a. mit dem Thema Mode auseinandersetzt, beschreibt in ihrer „Theorie der Beobachtung“ eine modische Konsensbildung, basierend auf gegenseitiger Beobachtung.
Das heißt in der Praxis: Ich beobachte dich (und das, was du trägst), du beobachtest mich (und das, was ich trage), ich beobachte, wie du mich beobachtest und du beobachtest, wie ich dich beobachte.
Mode ist ein Zustand der durch seine Unbeständigkeit charakterisiert ist. Sie ist ein Konsens der nur kurz Bestand hat, da permanent beobachtet wird und sich der Beobachtung permanent angepasst wird. Eine Demokratie, wenn auch eine ziemlich labile, kommt im Grunde dadurch zustande, dass jeder Teil dieses Beobachtungsprozesses ist und sich beim Anpassungsprozess jeder auf den anderen stützt.
Anhand der Modeblogs lässt sich das bestens nachvollziehen.
In einer Zeit, in der sich das Leben immer weiter in die virtuelle Welt des Internets verlagert und somit öffentlich wird, wird sich zwangsläufig auch über das Thema Datenschutz Gedanken gemacht. Bemerkenswerterweise scheint die freiwillige Preisgabe von persönlichen Daten keinerlei Einschränkung zu erfahren. Die freizügige Penisparade bei Chatroulette erscheint jedoch so unglaublich unspektakulär und lahm, nicht weil wir durch allgegenwärtige und allzeit verfügbare Pornographie abgestumpft sind, sondern weil der Penis uns nichts über die Person verrät. Modeblogs dagegen weisen einen überraschend exhibitionistischen Charakter auf. Mit seinem Blog ist man der Star in seiner eigens für sich selbst kreierten Klatschspalte.
Ein integraler Bestandteil des Modeblogs ist die Präsentation eigener Outfits, die oft schon in der Umkleidekabine fotografiert werden. Hier zeigen sich einerseits der exhibitionistische und anderseits auch der affirmative Charakter: Auch wenn nicht ausdrücklich nach einer Meinung gefragt wird, so wird das Outfit trotzdem über die Kommentarfunktion bewertet, und je nachdem, ob die Meinungen positiv oder negativ ausfallen, gekauft oder nicht (wenn schon gekauft, dann wird’s zurückgebracht oder verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Schrank). Das negiert dann zwar das allgemeine Streben nach Individualität und Originalität, trägt aber zur Konsensbildung und einer demokratischen Form von Mode bei.


Die Geschmacksaristokratie 

 The Facehunter (Bild: Modabot.de)

Streetstyleblogs, wie The Facehunter oder The Sartorialist widmen sich voll und ganz der Dokumentation von originellen Outfits. (Mittlerweile geht der Trend dazu über, Originale in originellen Outfits in deren originell eingerichteten Wohnungen auf originelle Art und Weise abzulichten. Siehe: The selby, Freunde von Freunden, ArtschoolVets). Sie haben den Anspruch Alternativen zu der von den Modemagazinen propagierten Mainstream-Mode aufzuspüren und zu dokumentieren. Tag für Tag streifen sie also durch die hipsten Quartiere der Stadt (Williamsburg New York, Berlin Mitte, Shoreditch London, jede noch so popelige Fashionweek) auf der Jagd nach individuellen Individuen.
Streetstyleblogs fungieren als Galerie und Katalog zugleich. Die gezeigten Styles wollen als individuelle kreative Leistung gewürdigt werden, animieren aber auch immer zum Kopieren, wodurch ihr Status als Originale bekräftigt wird. Zwar müssten sie, allein durch die Tatsache, dass sie für den Blog fotografiert wurden, schon als Original gelten, jedoch kann ein Original immer nur zwischen Kopien existieren. Das Streben nach Individualität negiert sich selbst. Wer sich für einen Streetstyleblog fotografieren lässt, wird geadelt und verliert im selben Moment auch schon wieder seinen Titel und wird wieder gewöhnlich.
Die demokratische Konsensbildung erfährt bei den Streetstyleblogs, im Gegensatz zu den privaten persönlichen Modeblogs, jedoch eine Einschränkung. Das demokratische „Anything-goes-Gefühl“, das Streetstyles suggerieren, kann sich auch nur in dem Rahmen bewegen, den der Blogger, durch die von ihm persönlich ausgewählten Styles, festgelegt hat. Das heißt ganz konkret: Was tragbar ist, bestimmt der Blogger.
Ein positiver Kommentar gilt in erster Linie dem fotografierten Original, unterschwellig wird dabei aber auch der Blogger gelobt, da er es offensichtlich geschafft hat im Meer der 08/15 Gekleideten eine stilistische Perle zu entdecken. Dem Blogger wird die magische Fähigkeit zugesprochen, zwischen gut und schlecht gekleidet, zwischen schön und hässlich differenzieren zu können.

Besteht deshalb Anlass zur Sorge, wenn plötzlich ein Starkult um Modeblogger entbrennt und eine Minderheit die modischen Strippen zieht? Würden wir so die Demokratie nicht gegen, wie Pierre Bourdieu es nannte, eine Geschmacksaristokratie eintauschen?
Denn das einzige, was sie scheinbar dazu legitimiert, ist, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort das richtige getan haben, weniger ihre journalistischen Fähigkeiten, noch ihr subjektives Gespür für modische Trends. Dass die Spitzenriege der deutschen Modeblogger im Grunde eigentlich austauschbar ist, zeigte der Artikel in der ZEIT Online mit dem, im Vergleich zum dürftigen Inhalt, (was man teilweise auch dem Desinteresse der ZEIT anhaften kann) pompösen Titel „Die Macht der Straße“: Auf ziemlich banale Fragen folgten leider auch ziemlich banale Antworten. Eine Gruppe ohnmächtiger Vorzeigeblogger, die zwar reden, aber nicht wirklich was zu sagen haben. 


Passiv aggressiv 

 Tavi Gevinson (Bild: thestylerookie.com)

Noch nie war es so einfach seine Meinung der Welt kundzutun. In Zeiten von Blogs und Social Communities wirken Demos draußen auf der Straße, also offline, so seltsam antiquiert. Sich an Schienen ketten, Steine schmeißen, sich mit Hundertschaften prügeln, das hat so ein unglaublich angestaubtes, fast schon spießiges Image bekommen. Sowas machen Leute, bevor sie eine Glanzkarriere als Politiker bis ins Außenministerium durchlaufen. Die einzigen, die heute noch so am Rad drehen dürfen, sind die Franzosen, deren Nationalfeiertag basiert immerhin auf einer riesigen Straßenschlacht, die inoffiziell ab und an in den Pariser Banlieus nachgestellt wird.
Wenn man jetzt mit irgendwas unzufrieden ist, wenn irgendwo Missstände herrschen, dann gründet man einfach eine Facebook Gruppe (z.B.: Für jedes Mitglied eine Kerze für die Opfer auf Haiti) und wartet ab, bis sich das Problem von selbst gelöst hat. Web 2.0 hat uns zu passiven Zuschauern und damit auch zu passiven Kritikern gemacht. Sehr schön auch unter Modebloggern zu beobachten.
Eine Demokratisierung der Mode müsste aber zwangsläufig zu einer kritischen Auseinandersetzung mit selbiger führen. Gerade weil Blogger, im Gegensatz zu den Printpublikationen unabhängig (aber wie man nun weiß, auch nicht abgeneigt) von Werbeeinnahmen sind, setzte man während der anfänglichen Euphorie alle Hoffnung in sie, als unabhängige und kritische Kontrollinstanz, als Parlament in der Konstitutionellen Monarchie der Mode. Die Aura der Unbestechlichkeit ist ja mittlerweile verflogen und kritisiert wird, wenn dann auch nur passiv.
Das kann man einerseits damit erklären, dass Kritik von Seiten der Leser unerwünscht ist. Denn Mode, was in den meisten Fällen den Konsum von Mode bezeichnet, soll ja Spaß machen und da ist kein Platz für Kritik. Andererseits damit, dass von Seiten der Blogbetreiber, die gezwungen sind ihren Blog täglich zu aktualisieren um ihre Leser zu behalten, zu viel Aufwand betrieben werden müsste, und, das gilt für die Großen im Geschäft, Gefahr laufen würden sich bei den Designern unbeliebt zu machen und somit die nächste Fashionweek im besten Fall von der letzten Reihe aus, im schlimmsten Fall zwischem dem gemeinen Pöbel beim Public Viewing vorm Show Zelt erleben zu müssen.
Also bloß niemanden auf die Füße treten, immer schön bitte und danke sagen und nett lächeln.
Das dreizehnjährige Blogger-Wunderkind Tavi Gevinson, die mit ihrem Blog Stylerookie und ihrem naiv eklektischen Kleidungsstil zum gerngesehenen Gast auf Schauen und Inspirationsquelle geworden ist, äußerte sich in der Frühjahrs Ausgabe der Qvest bezeichnend: „Wenn ich etwas mag, dann spreche ich das offen aus, wenn nicht, dann feature ich es erst garnicht.“

Mode folgt per se keinem erkennbaren rationalen Gesetz und ist daher so wie sie uns im Moment erscheint austauschbar, unvorhersehbar, und vor allem höchst widersprüchlich.
Die Rückkehr der Schulterpolster aus den tiefsten Tiefen der modischen Vergangenheit lässt sich nicht wirklich überzeugend erklären, und warum wir Overkneestiefel plötzlich nicht mehr mit Prostituierten in Verbindung bringen, ebenso wenig. Allein beim Gedanken daran lief uns noch vor nicht allzu langer Zeit ein kalter Schauer über den Rücken und jetzt soll es auf einmal chic sein, wie eine Edelhure aus den Achtzigern auszusehen? Fehlt nur noch die Dauerwelle. Soll das etwa schön sein?
Schon der gute alte Kant schrieb vor über 200 Jahren in seiner Kritik der Urteilskraft über die Subjektivität des Schönen.
Somit fahren Tavi und ihre Kollegen scheinbar auf der sicheren Schiene, wenn sie nur das in ihren Blogs featuren, was sie persönlich schön finden und sich über den (subjektiv) hässlichen Rest in diplomatisches Schweigen hüllen. In diesem Fall ist die Notwendigkeit einer Rechtfertigung einer demokratischen Debatte kaum vorhanden. Wo hingegen Kritik immer gerechtfertigt und objektiv nachvollziehbar sein sollte. Doch unter den Gegebenheiten, angesichts der Widersprüchlichkeit der Mode, ist eine kritische Auseinandersetzung, die die Qualität eines persönlichen, also subjektiven Geschmacksurteils übersteigt, kaum möglich.